https://www.faz.net/-gqz-908ls

China und Afrika : Der Westen liefert nur noch die Logos

Auch dieser Film stellt keine These auf; er beschränkt sich auf die neugierig-scheuen, mal verschreckten, mal bewundernden Blicke des jungen Manns innerhalb der abgezirkelten Geometrie der ihm verschlossenen blitzblanken Bauten. Diese Blicke und diese Geometrie sind ein Bild für das Einschüchterungspotential, das die „Moderne“ auch heute noch besitzen kann – und dafür, dass viele Afrikaner diese Moderne nicht, wie bisher selbstverständlich, zuerst mit dem Westen assoziieren, sondern mit China. Als Jack Ma, der Chef des chinesischen Internetkaufhauses Alibaba, vor zehn Tagen Kenia und Ruanda besuchte, schlug ihm laut den Berichterstattern von „Quartz“ eine größere Verehrung entgegen als im Jahr zuvor Mark Zuckerberg.

Die Moderne ist chinesisch: Jack Ma, der Chef des Internetkaufhauses Alibaba, am 20. Juli vor Studenten und Unternehmern in Nairobi
Die Moderne ist chinesisch: Jack Ma, der Chef des Internetkaufhauses Alibaba, am 20. Juli vor Studenten und Unternehmern in Nairobi : Bild: Reuters

Eine solche Einstellung spiegelt auch die Straßenumfrage, die der nigerianische Fotograf Opeyemi Balogun in Lagos gemacht hat. In einem Fernseher, der in einem englisch und chinesisch beschrifteten Frachtkarton steckt, kann man sehen, was den Leuten einfällt, wenn sie nach China gefragt werden. „China ist überall in der Welt“, sagt eine Übersetzerin, eine Lehrerin meint: „Sie sind sehr gut in allem, was sie tun, sie versorgen uns mit Jobs“, und ein Arzt findet sogar: „Man ist privilegiert, Teil dieses Prozesses zu sein.“ Solche Meinungen scheinen einigermaßen repräsentativ zu sein: Eine aktuelle Untersuchung von „Afrobarometer“ fand heraus, dass 63 Prozent der Afrikaner den chinesischen Einfluss für positiv halten. Doch die Auskünfte lassen zugleich erkennen, dass offenbar kaum jemand eine spezifische Erfahrung mit den Menschen vom anderen Kontinent gemacht hat. Zwei Millionen Chinesen leben mittlerweile in Afrika, zehntausend chinesische Firmen sind dort tätig (neunzig Prozent davon privat), zwischen hunderttausend und fünfhunderttausend wird die Zahl der in China lebenden Afrikaner geschätzt – und doch scheint das Verhältnis nach wie vor von viel Unkenntnis und Fremdheit geprägt zu sein. Mit ideologischen Fragen im engeren Sinn, wie sie etwa die Zusammenarbeit Chinas mit Potentaten oder seine Politschulungen für afrikanische Funktionäre aufwerfen, beschäftigt sich die Ausstellung ausdrücklich nicht. Doch die weithin verbliebene Fremdheit wird da durch den unbekümmerten Rassismus dokumentiert, der aus einer chinesischen Waschmittelwerbung sprach (eine junge Chinesin stürzt einen Afrikaner kopfüber in eine Waschmaschine, und heraus kommt glücklich ein Chinese). Und van Staden berichtet in einem Magazin des Johannesburger Workshops, dass es Gerüchte, China exportiere Menschenfleisch in Dosen, bis in afrikanische Zeitungen gebracht hätten; China sei für Afrika weiter der „große Unbekannte“.

Ist Afrika für Europa nur als kolonialisierte Zone vorstellbar?

Das scheint auch für die Beobachter zu gelten, die sich die Beziehung von außen anzusehen versuchen. Das Video „The Letter“ der Künstlerin Bodil Furu aus Oslo dokumentiert vor allem die Vergeblichkeit ihres Bemühens, mit Chinesen im Bergbauwesen des Kongo ins Gespräch zu kommen; man habe schlechte Erfahrungen mit westlichen Medien gemacht, heißt es. Von Kongolesen gibt sie die Einschätzung wieder, es sei eine große Erleichterung, mit Chinesen zusammenzuarbeiten; bei den Westlern mit all ihrer Bürokratie stoße man ständig nur auf Mauern. Die allseitige Überforderung der Vorstellungskraft bringt besonders hintergründig die Videoinstallation „GZ Calling“ von Sam Hopkins und David Lalé auf den Punkt: Der afrikanisch-chinesische Warenumschlag im Hafen und auf den Märkten von Guangzhou wird da aus der Schlüssellochperspektive eines an der Undurchdringlichkeit seines reizüberfluteten Sujets verzweifelnden Privatdetektivs beobachtet: „Classic case of first world guilt“, stammelt er zuletzt. Sein Vorgesetzter beschwört ihn: „Please keep stay focussed on the big picture!“

Weitere Themen

Langsam kreist der Sputnik

Russland startet Massenimpfung : Langsam kreist der Sputnik

Russland startet eine „Massenimpfung“ mit seinem heimischen Impfstoff. Dessen Testphase soll erst im Mai abgeschlossen sein. Die Verantwortlichen sagen trotzdem: Wird schon!

China, das (un)geliebte Anlegerland

Scherbaums Börse : China, das (un)geliebte Anlegerland

Deutsche Privatanleger interessieren sich meist für einheimische Aktien – vielleicht noch für ein paar amerikanische Tech-Werte. China haben dagegen nur wenige auf dem Schirm. Das könnte ein Fehler sein, wie ein Blick auf die aktuelle Lage sowie die Erwartungen für 2021 zeigen.

Topmeldungen

Marylyn Addo und ihr Team arbeiten an einem Corona-Impfstoff.

Forscherin Addo im Interview : „Ich erwarte im Frühjahr eine Entspannung“

Infektiologin Marylyn Addo forscht mit ihrem Team selbst an einem Corona-Impfstoff, hat dabei aber gerade einen Rückschlag erlebt. Im Interview spricht sie über ihre Arbeit, mangelnde Impfbereitschaft, Virus-Mutationen und Lockdown-Effekte.

Nach Laschets Wahl : Der knappe Sieg des Merkelianers

Der künftige CDU-Vorsitzende Armin Laschet steht nun vor zwei Herausforderungen. Zum einen muss er Friedrich Merz einbinden, zum anderen seine Umfragewerte verbessern. Nur dann dürfte er Kanzlerkandidat werden.
Das Symbol für Ethereum

Digitalwährung Ether : Besser als Bitcoin

Alle Welt ist im Bitcoin-Rausch. Dabei gibt es eine Alternative, die viel interessanter ist: Ether. Doch was macht die Digitalwährung so besonders?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.