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China-Recycling : Aus Papier kann man viel machen, auch eine freundlichere Zeitung

  • -Aktualisiert am

Solange die Angebotssumme vernünftig, sagt der chinesische Recycling-Milliardär Chen Guangbiao, lasse sich alles in der Welt kaufen. Er hat es auf die „New York Times“ abgesehen. Und auf die China-Berichterstattung der Zeitung.

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          Die Recycling-Industrie ist in China eine selbstbewusste Branche, bis in die privaten Haushalte hinein. Größere Entsorgungsdienstleistungen überlässt man nicht einfach der öffentlichen Müllabfuhr, sondern marktwirtschaftlich operierenden Unternehmungen, die einem für das Recht, den Müll an Wiederverwertungsanlagen mit Gewinn weiterzuverkaufen, sogar noch etwas nach Gewicht berechnetes Geld geben. Als der Müllsammler aus der Nachbarschaft einmal eine größere Fuhre Altpapier bei mir in Peking abholte, fiel sein professioneller Blick auf die Bücherregale, und seine Augen leuchteten. Ob das dort gesammelte Papier denn auch zum Verkauf stehe, erkundigte er sich, und es bedurfte großer Entschiedenheit, um ihn wieder von diesem Gedanken abzubringen.

          Einer aber, der mit Recycling Milliardär wurde, ist Chen Guangbiao, und er hat noch gewagtere Ideen: Er will die „New York Times“ kaufen. Solange die Angebotssumme vernünftig sei, sagte er dazu, lasse sich alles in der Welt kaufen. Chen machte aus seinem Herzen auch sonst keine Mördergrube und ließ keinen Zweifel daran, dass er die bislang aus seiner Sicht nicht ausreichend objektive China-Berichterstattung des Blattes nach dem Erwerb nicht so lassen werde wie bisher. Mit der derart wiedergewonnenen Glaubwürdigkeit werde die Zeitung aus ihren finanziellen Schwierigkeiten herauskommen - offenbar, wie man vermuten kann, wegen des großen chinesischen Markts, der sich einer solchermaßen bereinigten „New York Times“ gewiss öffnen würde.

          Der Beitrag eines Bürgers

          Doch die Zeit scheint noch nicht reif für solche Pioniere zu sein. Weder in New York noch in China wurde der Vorstoß ernst genommen. Im chinesischen Internet wurde Chen als Clown abgetan. In einem Gastbeitrag für die Parteizeitung „Global Times“ zeigt sich der Unternehmer jetzt über diese Resonanz entrüstet. Es bleibe bei seinen Kaufabsichten, und dass die meisten Chinesen sie für einen Scherz hielten, führt er auf deren „konservatives Denken“ zurück: „Jetzt, da die Welt ein globales Dorf geworden ist, ist ein Land vollkommen in der Lage, Innovationen in der ausländischen Öffentlichkeit einzuführen, und ein gewöhnlicher Bürger kann dazu mit seinen kühnen Ideen beitragen.“

          Tatsächlich sind Content-Industrie (früher Kultur oder öffentliche Meinung genannt) und Recycling-Industrie nicht nur in China schon heute so verzahnt, dass zur Ridikülisierung wenig Anlass besteht. Man wird sehen, wie lange die Logik des einfallsreichen Unternehmers noch als lustig gelten wird.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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