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China : Die Sonne von Schanghai

Der chinesische Blogger, Romancier und auch Rennfahrer Han Han. Hier auf einer Pressekonferenz im letzten Sommer in Hong Kong. Bild: AFP

Perfekter Ausdruck der Doppelgesichtigkeit einer Gesellschaft: In China gibt es eine Literatur, die vom Leben unter Zensur handelt und ihr Meister ist der Romancier, Blogger und Rennfahrer Han Han

          Kürzlich fragte der chinesische Schriftsteller Murong Xuecun im Hongkonger Club der Auslandskorrespondenten, weshalb China schon lange keine großen Autoren hervorgebracht habe: "Große Autoren werden hier schon im Kinderzimmer kastriert."

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die chinesische Sprache sei heute zweigeteilt in eine "sichere" und eine "riskante" Sprache. Jedes einzelne Wort könne vorsichtigen Lektoren, Verlegern und Zensoren verdächtig vorkommen, und das beschädige nicht nur die einzelnen Werke, sondern die Sprache selbst, "die Sprache des Philosophen Zhuangzi und der Dichter Li Bai und Su Dongpo und des großen Historikers Sima Qian". Murong Xuecun, von dem in deutscher Sprache der launig-deftige Ganovenroman "Chengdu, vergiss mich heut Nacht" erschienen ist, erzählte von einem paranoiden Verleger, der ihm einmal erklärte: "Am besten vermeidet man ganz, etwas Reales zu behandeln, denn alles Reale enthält Risiken."

          Inmitten solcher Wirklichkeitsvermeidungsstrategien im autoritär kontrollierten Staat ist mittlerweile eine Literatur eigener Art entstanden, die das Leben mit der zensierten Sprache selbst zum Thema hat. Ihr Meister ist der 28 Jahre alte Romancier, Blogger und Rennfahrer Han Han aus Schanghai, der mit seinen mehr als dreihundert Millionen Klicks zu den populärsten Autoren der Welt gehören dürfte.

          So ist die Regierung

          Seine Beliebtheit ist freilich nur in China verständlich, unter Leuten, die durch die Bedingungen des reglementierten Sprechens ein besonderes Gespür für Töne und Zwischentöne erworben haben. Als Han Han letztes Jahr nach seinem Blog auch einen Mikroblog aufmachte, bestand sein erster Eintrag nur aus dem Zeichen "Wei" ("Hallo!"), doch schon das allein brachte ihm 13900 Kommentare ein. Han Han schrieb zurück: "Ich wollte eigentlich ,Hey' statt ,Wei' schreiben, aber ich habe es nicht korrigiert, weil ich fürchtete, die Leute würden die ,zuständigen Behörden' dafür verantwortlich machen." Es versteht sich von selbst, dass mit den "zuständigen Behörden" die Zensoren gemeint sind.

          Han Hans Methode ist, sich selbst in Beziehung zu diesen übermächtigen Instanzen und deren Sprache zu setzen; er gebraucht sich gewissermaßen als Testperson, um deren Wirkungen an sich zu erproben. Einmal besprach er eine Ankündigung in der Zeitung, dass Handys, die pornographische Bilder oder Kurznachrichten weiterleiten, von Amts wegen abgestellt würden. Man müsse zur Polizei gehen und eine Erklärung unterschreiben, dass man das nie wieder tun werde, um sein Handy wieder gebrauchen zu können. "So ist die Regierung", kommentiert er. "Sie gibt dir immer ein Verb und ein Substantiv, und dann erklärt sie das Substantiv nicht. Zum Beispiel sagt sie: nicht konterrevolutionär sein, aber nie sagt sie, was unter Konterrevolution zu verstehen ist. Diesmal sagt sie: nicht pornographische Nachrichten versenden, aber nie sagt sie dir, was unter einer pornographischen Nachricht zu verstehen ist."

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