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China : Die Rückkehr des Meisters

  • -Aktualisiert am

Undatierte Darstellung des Konfuzius Bild: picture-alliance/ dpa

In China schießen private konfuzianische Schulen wie Pilze aus dem Boden. Ihre Lehrer streben eine Rückkehr zu alten Werten an. Die kommunistische Regierung hält sich zurück.

          6 Min.

          Im Westen spricht man seit den achtziger Jahren gern davon, daß aufstrebende ostasiatische Staaten, die vor den pluralistischen Konsequenzen der Moderne zurückschrecken, beim „Konfuzianismus“ Zuflucht suchen: als einem verordneten Überbau über der kapitalistischen Realität.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Auch in China findet sich jetzt ein Vordenker, der in dieses Schema passen könnte. Ein Lehrer, dessen Name ironischerweise die gleiche Umschrift hat wie der von Jiang Qing, die für ihre kulturrevolutionären Anti-Konfuzius-Kampagnen und auch sonst berüchtigte Mao-Witwe, ruft kaum verhohlen dazu auf, den Konfuzianismus zu einer Art Staatsreligion zu erheben. China werde sich mit seiner Eigenart auf Dauer nicht gegenüber dem Westen und dessen Christentum behaupten können, wenn es nicht seine eigene „Religion“ unter besonderen staatlichen Schutz stelle. Die gesamte Nation solle auf diesen kulturellen und spirituellen Konsens verpflichtet werden.

          An allen Ecken sprießen Schulen

          Die Idee ist auf viel Kritik im Lande gestoßen. Doch Jiang Qing ist nicht der einzige, der in China heute Konfuzius im Munde führt, und bei weitem nicht alle lassen sich dem vertrauten westlichen Erklärungsmuster unterbringen. An allen möglichen Enden sprießen konfuzianisch inspirierte Schulen, Akademien, Editionsvorhaben und Sprachregelungen aus dem Boden. Verschiedene historische Linien überkreuzen sich dabei auf verwirrende Weise.

          Feier des 2556. Geburtstags von Konfuzius im September 2005

          Um das Phänomen nicht vorschnell bloß einem autoritären Denken zuzuschlagen, das man mit „Konfuzianismus“ häufig assoziiert, ist es gut, mit Pang Fei zu sprechen. Vor fünf Jahren hat der junge Philosoph in Peking die „Yidan-Schule“ gegründet, die sich als kulturelle Bewegung zur Wiederbelebung der chinesischen Tradition versteht. Wir treffen Pang Fei am Ende einer Gasse, die zu finden der Taxifahrer erhebliche Mühe hat. Die „Yidan-Schule“ residiert in einem winzigen, an einen Verschlag erinnernden Haus in der Nähe der Peking-Universität. Im Eingangsraum brennen Räucherstäbchen vor einem kleinen Altar an der Wand. Im weiß getünchten, kahlen Zimmer nebenan sitzt Pang Fei in einem dicken Parka, um ihn herum vier weitere junge Männer. Die fünf stehen zur Begrüßung auf, setzen dann aber erst mal ihre Unterhaltung fort, bei der wir sie unterbrochen haben.

          Lernen und Leben

          Unterhaltung ist zuviel gesagt. Nur Pang Fei, ein zweiunddreißig Jahre alter Mann mit kurzen Haaren und einem sanften, aber entschiedenen Gesichtsausdruck, redet leise und bestimmt, während die anderen mit leicht geneigtem Kopf dasitzen und zuhören. Es geht um das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern. Dieses Verhältnis, sagt Pang, sei durch die Begriffe nicht schon beschrieben, es müsse von innen her mit Leben gefüllt werden. Das Lernen habe unmittelbar mit dem Leben zu tun.

          Die mittlerweile tausend Mitarbeiter der Schule erteilen an Grundschulen Unterricht im „Dreizeichen-Klassiker“. Dabei handelt es sich um eine Art Kinderkatechismus aus der Song-Zeit, der die Eckpunkte der konfuzianischen Anthropologie und Geschichtsvorstellung in kurzen Zeilen von jeweils drei Schriftzeichen zusammenfaßt. „Von Geburt her / sind die Menschen gut, / ihre Natur ist gleich, / erst ihre Gewohnheiten machen sie verschieden. / Wird die Natur vernachlässigt, / nicht unterrichtet, verkommt sie“ - so lauten die ersten Zeilen, die schon den Zusammenhang von Lernen und Moral herstellen, der für das konfuzianische Denken kennzeichnend ist. Die Kinder sollen den Klang der fremden Sprache in sich aufnehmen und lernen die Zeilen auswendig.

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