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China : Die Frau mit dem Messer

Wehrhaft: Deng Yujiao, hier im Krankenhaus in Badong Bild: AFP

Die junge Deng Yujiao wird in China als Heldin gefeiert. Als Regierungsbeamte sie vergewaltigen wollten, erstach sie einen von ihnen. Alle Schuld wollten die Behörden der Frau zuschieben - bis Blogger den Fall öffentlich machten.

          Es sind nicht unbedingt die moralisch eindeutigsten Fälle, die in China für den größten Wirbel sorgen. Im vergangenen Jahr war es ein vierfacher Polizistenmörder, dessen Prozess zum Anlass einer erregten Internetdebatte über das Justizsystem und die Befugnisse der Polizei wurde, eines der am meisten beachteten Inlandsereignisse überhaupt. Und jetzt ist eine Pediküristin zur nationalen Identifikationsfigur geworden, die einen zudringlichen Kader erstach. „Deng Yujiao, du bist gut. Ich bewundere und unterstütze dich, und ich will von dir lernen“, schrieb, mit ebenso treuherzigem wie drohendem Unterton, einer von Millionen Chinesen im Internetforum Tianya.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Deng Yujiao war eine Angestellte im „Traumstadt Vergnügungscenter“ einer Kleinstadt der Provinz Hubei, aber im Unterschied zu einigen ihrer Kolleginnen war sie keine Prostituierte. Das hatte der Regierungsbeamte Huang Dezhi, der Vizedirektor des Amts für Wirtschaftsdelegationen, offenbar missverstanden, der zunächst allein und dann mit drei anderen Männern in ihr Zimmer eindrang und sie zum Sex aufforderte. Als die Männer sie trotz ihrer Proteste und ihrer Erklärungen, dass sie nicht das sei, für das sie sie halten, auf ein Bett warfen und anfingen, ihr die Kleider vom Leib zu reißen, stach Deng Yujiao zu. Einer der Männer starb, ein anderer wurde verletzt.

          Außergewöhnliches Interesse

          Dass die Anklage der lokalen Justizbehörden gegen Deng seit vergangener Woche nicht mehr auf Mord, sondern auf Körperverletzung lautet, ist ein Ergebnis des außergewöhnlichen, das ganze Land erfassenden Interesses, das der Fall auf sich gezogen hat. Die Popularität der Frau aus der Traumstadt rührt daher, dass sie gleich zwei klassische Muster ausfüllte: als Frau, die um ihre Ehre kämpft, und als Frau, die den verhassten Funktionären die Stirn bietet. Die Entrüstung über die Kader wurde noch gesteigert durch Details, die Deng Yujiao in einem Bericht enthüllte, den die Kantoner Tageszeitung „Nanfang Dushibao“ veröffentlichte. „Willst du Geld?“, soll Huang gefragt haben, als längst klar war, dass die junge Frau nicht käuflich war. „Glaubst du nicht, dass ich dich heute mit Geld zuschütten kann, bis du tot bist?“, drohte er weiter. Zur Demonstration der Macht, die eine Staatspartei verleiht, kam da noch die Einschüchterung durch das Kapital – die typisch chinesische Mischung.

          Mit ihrer Mutter auf dem Weg aus dem Gerichtssaal

          Zum Politikum wurde das Thema vollends, als die Behörden den Fall verschleiern wollten. Die offensichtliche Tatsache, dass da Regierungsbeamte die offiziell verbotene und geleugnete Prostitution in Anspruch nahmen, wurde mit phantasievollen Formulierungen („Badeservice durch einen Vertreter des anderen Geschlechts“) camoufliert. Alle Schuld sollte der jungen Frau zugeschoben werden: Sie wurde erst unter Mordanklage gestellt und dann in die Psychiatrie eingewiesen, weil man Antidepressiva in ihrer Handtasche gefunden habe. Ihre unentgeltlich arbeitenden Rechtsanwälte wurden von Dengs Mutter plötzlich, offenbar auf höheren Druck hin, zurückgezogen. Zwei chinesische Journalisten wurden bei der Recherche von unbekannten stämmigen Männern verprügelt.

          Wie aus einem Mafiafilm

          All diese Geschehnisse, die wirken, als stammten sie aus dem Halbdunkel eines Mafiafilms, wurden im Internet von Bloggern öffentlich gemacht. Auf eigene Faust recherchierende Bürgerreporter machten sich auf den Weg in die kleine Stadt. Offene Briefe zugunsten der „Heldin“ wurden veröffentlicht, Demonstrationen fanden statt mit Parolen wie: „Schimpf und Schande über die Polizei von Badong“ oder „Bestraft die Vergewaltiger hart, sprecht Deng Yujiao frei“. Zwar wurden viele der Kommentare gleich wieder gelöscht, doch irgendwann wurde den Behörden klar, dass sie den Fall nicht mit der üblichen Verschwiegenheit abwickeln konnten.

          Zwei der beteiligten Funktionäre wurden nach Wochen des Protests ihres Amts und ihrer Parteimitgliedschaft enthoben. Der Bezirk startete eine Kampagne gegen Prostitution, Glücksspiel und Drogenmissbrauch. Chinas oberster Gerichtshof sah sich zu der Stellungnahme veranlasst, er erwarte von den örtlichen Gerichten einen kühlen Kopf. Schließlich wurde Deng Yujiao aus der Psychiatrie entlassen, und ihre Anwälte rechnen damit, dass der jetzt bald beginnende Prozess nicht mit einem Todesurteil enden wird.

          Der Fall zeigt ein weiteres Mal, wie die Öffentlichkeit, die das Internet in China herstellt, zur Öffnung und wachsenden Zurechenbarkeit der staatlichen Institutionen beiträgt. Für die im Westen bisweilen geäußerte Vermutung, die Chinesen seien aufgrund ihrer kulturellen Ausstattung weniger an individuellen Rechten als an solchen des Kollektivs interessiert, bietet der Vorfall dagegen keinen Anhalt. Dass der Begriff der Menschenrechte bei vielen im Land unter Ideologieverdacht steht, heißt noch lange nicht, dass der Einzelne in China nichts gelten würde. Bei den elementaren, mit zahlreichen Ressentiments aufgeladenen Eruptionen der Öffentlichkeit bilden sich die politischen Konzepte erst allmählich aus – und die „kulturellen“ spielen eine erstaunlich geringe Rolle.

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