https://www.faz.net/-gqz-pyow

China : Das Versteckspiel der Geburtsguerrilla

  • -Aktualisiert am

Geboren zwei Minuten nach Mitternacht: Gu Xiulian ist Chinese Nr. 1.300.000.000 Bild: REUTERS

Seit heute leben in China 1,3 Millarden Menschen: Für die Kommunisten ein Grund zu feiern. Pekings Ein-Kind-Politik ist längst gelockert; leisten können sich mehrfachen Nachwuchs aber nur die Reichen.

          2 Min.

          Heute wird es endlich offiziell: Die chinesische Bevölkerung hat die Marke von 1,3 Milliarden Menschen erreicht. Im staatlichen Fernsehen CCTV gibt es Sonderberichte, in Schanghai Festkonzerte. Denn wieder einmal haben die Kommunisten eine großartige Leistung vollbracht: Zum erstenmal ist das Bevölkerungswachstum merklich verlangsamt worden.

          Während es in den drei Jahrzehnten zuvor jeweils nur fünf Jahre gebraucht hatte, um hundert Millionen mehr Chinesen hervorzubringen, benötigte das Land diesmal immerhin zehn Jahre, um von 1,2 Milliarden zu 1,3 Milliarden Bürgern zu gelangen. Das, heißt es, wäre ohne die Ein-Kind-Politik Pekings undenkbar.

          28.000 Geburten am Tag

          Daß gerade der 6. Januar 2005 zum Datum dieses Ereignisses wird, liegt an einer statistischen Erhebung, die 2004 durchgeführt worden ist. Dieser zufolge soll es Ende des vergangenen Jahres in China 1.299.860.000 Chinesen gegeben haben - nicht mitgezählt jene Chinesen, die in Macao, Hongkong oder Taiwan leben. Da im Jahr 2004 im Schnitt jeden Tag 28.000 Kinder geboren wurden, ist nun einfach das erste Kind, das heute geboren wurde - ein Junge namens Gu Xulian -, der Jubiläumsbürger.

          Um dies dann auch tatsächlich zu werden, mußte das Kind allerdings natürlich geboren worden sein, also auf keinen Fall mit einem Kaiserschnitt, wie es inzwischen viele junge Chinesinnen bevorzugen (sie glauben, daß Kinder, die auf diese Weise zur Welt kommen, klüger seien). Die Zentralregierung bleibt in dieser Frage ungewöhnlich hart, Ausnahmen werden nicht gemacht - auch nicht, wenn es sich bei der Operation um eine Notlösung gehandelt haben sollte, weil es vorher zu Komplikationen gekommen war. Eine weitere Bedingung ist, daß das Kind in einem speziellen Pekinger Frauenkrankenhaus geboren worden ist, denn die CCTV, die über exklusive Übertragungsrechte verfügt, hat ebendieses Krankenhaus auserkoren.

          Genauigkeit ist nachrangig

          So relativiert sich das Ereignis wieder, aber derart arbeiten nun einmal die Chinesen: Geht es um Zahlen, nehmen sie es traditionell nicht übermäßig genau. Wie viele Chinesen es in China wirklich gibt, weiß ohnehin niemand. Pekings Ein-Kind-Politik ist von Beginn an auf starken Widerstand gestoßen: anfangs vor allem bei den armen Bauern, weil sie weder Kranken- noch Sozial-, noch Rentenversicherungsschutz genießen und deshalb auf Söhne angewiesen sind, bei denen sie im Alter leben können.

          Töchter gelten dagegen als „ausgeschüttetes Wasser“ - sie gehören nach der Heirat zur Familie ihres Mannes. Da aber Söhne nicht auf Befehl geboren werden, mußten Bauern, deren erstes Kind eine Tochter war, flüchten, um anderswo anonym und „illegal“ zweite oder dritte Nachkommen in die Welt zu setzen - bis ein Sohn kam. Wegen dieses Versteckspiels werden diese Bauern in China „Geburtsguerrilleros“ genannt.

          Die Wirtschaft war wichtig

          In den neunziger Jahren war die Ein-Kind-Politik gelockert worden, weil sie aus dem Westen stark kritisiert wurde. Diese Kritik ist längst verstummt. Noch wichtiger aber war die positive Wirtschaftsentwicklung im Land. Nach zwei Jahrzehnten Reformen ist Deng Xiaopings Vision endlich Wirklichkeit geworden: Einige Chinesen sind tatsächlich reich geworden - und wollen nun auch mehr Kinder.

          Da sie entweder selbst zur Partei-Nomenklatura gehören oder in enger Beziehung zu dieser stehen, können sie großen Druck ausüben. Sie haben mittlerweile erreicht, daß nach dem ersten Kind keine Abtreibung mehr droht, sondern die Eltern mit einer Geldstrafe belegt werden. Also darf im Prinzip jeder ein zweites Kind haben, sofern er nur imstande ist, dafür zu zahlen. In Schanghai beträgt die Strafe knapp vierzigtausend Yuan, also viertausend Euro; für die Reichen ein Klacks, für die Armen unerschwinglich: ein Sieg des Sozialdarwinismus. Zumindest in diesem Punkt hat China nun den internationalen Anschluß gefunden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Tourismus : Schweiz buhlt um Deutsche

          Den Eidgenossen fehlen die ausländischen Gäste, vielen Hotels droht der Konkurs. Nun wollen sie bei deutschen Touristen punkten – mit praktischen und geldwerten Angeboten.
          Gut gelaunt mit amerikanischen Soldaten am Truppenstützpunkt Ramstein: Amerikas Präsident Donald Trump im Jahr 2018.

          Trumps Abzugspläne : Ein weiterer Tiefschlag

          Sollten Tausende amerikanische Soldaten Deutschland verlassen, würde das vor allem dem Pentagon selbst zu schaffen machen. Für das transatlantische Verhältnis aber verheißt es nichts Gutes.

          Solidarität mit George Floyd : Gemeinsam gegen Rassismus

          In Deutschland protestieren Zehntausende in mehreren Großstädten gegen Rassismus und Polizeigewalt. Allein in München gehen mehr als 25.000 Menschen auf die Straße. Auch in anderen Ländern kommt es zu Protesten – entgegen der Empfehlung der Behörden.
          Nicht nur Gnabry (links) und Goretzka trafen für den FC Bayern in Leverkusen.

          4:2 in Leverkusen : Der FC Bayern ist eine Klasse für sich

          Die Münchner meistern die wohl größte Hürde, die auf dem Weg zum Titel noch zu nehmen war, mit dem klaren Sieg in Leverkusen souverän. Die fußballerische Perfektion erinnert an die besten Phasen unter Pep Guardiola.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.