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Fundamental-Feminismus : Das ist kein Witz

Laurent Sourisseau, genannt „Riss“, ist Chefredakteur von „Charlie Hebdo“. Bild: AFP

Weil sie auch Frauen mit Kopftuch und Burka zeichnet, wurde die Karikaturistin Franziska Becker als vermeintlich rassistisch verunglimpft. Der „Charlie-Hebdo“-Chefredakteur Laurent Sourisseau weiß, was dahinter steckt.

          Der Chefredakteur der französischen Satirezeitung „Charlie Hebdo“, Laurent Sourisseau, hat einen klaren Blick auf die Lage der Pressefreiheit im Westen. Er weiß, wie und von wem die Meinungsfreiheit von innen ausgehöhlt wird.

          Das musste er leidvoll erfahren, als die mit dem Slogan „Je suis Charlie“ plakativ demonstrierte Solidarität mit seiner Redaktion, die am 7.Januar 2015 von zwei islamistischen Attentätern in Paris massakriert wurde (zwölf Menschen starben), abebbte und sein Blatt wegen vermeintlicher Rücksichtslosigkeit gegenüber Muslimen kritisiert wurde.

          Jetzt verteidigt Sourisseau, genannt „Riss“, in der Zeitschrift „Emma“ die Karikaturistin Franziska Becker, die kurz vor ihrem siebzigsten Geburtstag (F.A.Z. vom 10. Juli) mit der Hedwig-Dohm-Urkunde des Journalistinnenbundes geehrt wurde. Dass Becker wegen Cartoons, in denen kopftuch- oder burkatragende Frauen auftauchen, Rassismus und Islamfeindlichkeit vorgeworfen wurde, findet Riss auch mit Blick auf die Quelle der Attacken bedenklich. Um Karikaturisten mundtot zu machen, brauche es gar keine Islamisten mehr: „Nun gibt es Feministinnen, die es übernehmen, diejenigen einzuschüchtern, die es wagen, über den Islam und die Religion zu lachen. Die Wachhunde des ,Links-Islamismus‘ sind gut dressiert worden.“

          „Humor zielt auf Dummheit“

          Dem Verleger Jakob Augstein schreibt Riss etwas ins Stammbuch: Augstein hatte Franziska Becker per Twitter bescheinigt, ihre Cartoons könnten in der „Jungen Freiheit“ erscheinen. Karikaturen, so Augstein, seien nur gut, „wenn sie die Großen klein machen – nicht, wenn sie auf die treten, die ohnehin unten sind“, weshalb auch die „antimuslimischen“ Karikaturen von „Charlie Hebdo“ schlecht gewesen seien.

          Das hält Riss für Stumpfsinn: „Stumpfsinnig, weil die Karikatur sich weigern muss, zum verlängerten Arm irgendeiner Ideologie gemacht zu werden, deren Aufgabe es wäre, die einen stärker unter Beschuss zu nehmen als die anderen. (...) Humor zielt auf Dummheit, Mittelmäßigkeit, Lächerlichkeit, Feigheit und sämtliche sonstigen Zustände der menschlichen Seele. Das heißt, er zielt auf jeden.“

          Faszinierend sei es, zu beobachten, „mit welchem Einfallsreichtum der Mensch sich selber Fesseln anlegt. Die Perversion ist geradezu grenzenlos, wenn es darum geht, zu unterdrücken, zu ersticken und zu zensieren. Selbst in der Linken finden sich Gemüter, die verschlagen genug sind, um Regeln zur Kontrolle der Freiheit zu erfinden.“ Dabei scherten sich die feministischen „Kapos“ von links „einen Dreck um Frauen, um Humor, um die Freiheit, um die Großen oder Kleinen. Ihre Lust besteht darin, zu verbieten, mit dem Finger zu zeigen und abzudrücken.“

          Eine solche Anklage werden die hiesigen humorlosen Feinde der Freiheit nicht witzig finden. Und das ist sie ja auch nicht. Sie ist bitterernst.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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