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Anschlag auf Salman Rushdie : Tatort Chautauqua

Der Glockenturm ist das Wahrzeichen der Chautauqua Institution. Bild: Chris Light / CC BY-SA 4.0

Der Mordanschlag auf Salman Rushdie sollte die freie Lebensweise des Westens treffen, sagen Politiker. In Chautauqua, wo die Tat geschah, hat diese Lebensweise eine charakteristische Form ausgebildet.

          3 Min.

          Der Tag in Chautauqua begann mit der Begrüßung der aufgehenden Sonne. Um sechs Uhr früh am 12. August sammelte sich eine Gruppe von Touristen. Gemeinsam paddelte man in Kajaks hinaus auf den See, von dem das Städtchen im südwestlichen Zipfel des Bundesstaats New York seinen Namen hat. Chautauqua ist ein Wort aus der Sprache der von weißen Siedlern bekämpften und vertriebenen Ureinwohner. Da niemand mehr diese Sprache als Muttersprache spricht, weiß man nicht genau, was der Name des Sees bedeutet. Einem Übersetzungsvorschlag zufolge vielleicht gar nichts weiter als See, unter dem universalistischen Aspekt seines Nutzens für die Menschen: Chautauqua, das heißt demnach „Ort, aus dem man Fische nimmt“.

          Zum Angeln war während des Rituals der säkularen Sonnenanbetung im Hochsommer wahrscheinlich keine Zeit. Nach der Rückkehr vom See konnten sich die Teilnehmer der Expedition auf dem Bauernmarkt, dessen Stände schon um sieben Uhr mit dem Verkauf beginnen, mit Stoff zum Frühstück versorgen. Im Laufe des Vormittags gab es spirituelle Zusammenkünfte für fast jeden Geschmack. Um 7 Uhr 45 wurde gleichzeitig zu einer Meditationsklasse und zur Eucharistiefeier der Episkopalkirche eingeladen. Eine Stunde später folgte die Heilige Messe der Katholiken. Fünf Minuten im Tagesplan um kurz vor neun waren reserviert für ein gemeinschaftliches Gebet für den Frieden durch Mitleid.

          Ein Gespräch über Schutzräume für Schriftsteller

          Um 10 Uhr 45 war dann im Auditorium im Hauptgebäude der Chautauqua Institution, das für 4000 Zuhörer Platz bietet, die Gesprächsveranstaltung mit dem weltberühmten Gastredner angesetzt. Salman Rushdie sollte darüber sprechen, wie wichtig es ist, Schutzräume für verfolgte und mit dem Tod bedrohte Schriftsteller zu schaffen. Henry Reese, der mit Rushdie auf dem Podium saß, hat mit dem Vermögen, das er als Gründer eines Call-Center-Imperiums verdiente, in Pittsburgh eine Stiftung errichtet, die eine solche Infrastruktur bereitstellt: ein Asyl für Autoren. Nach amerikanischem Brauch war die Zeit für den Auftritt des Stargasts knapp bemessen, mit exakt 75 Minuten. Nicht etwa aus Rücksicht auf Rushdie: Auch alle anderen Teilnehmer wollten mit dem Rest des Tages noch etwas anderes anfangen. Nach dem Mittagessen wäre die Vorstellung des Projekts aus Pittsburgh fortgesetzt worden, anhand beispielhafter Einzelfälle.

          Rushdie und Reese hatten gerade ihre Plätze auf der Bühne eingenommen, da stürzte sich ein Mann aus dem Publikum auf Rushdie, um mit einem Messer auf ihn einzustechen. Rushdie wurde so schwer verletzt, dass ungewiss ist, ob er überlebt.

          Von Politikern und Repräsentanten von Schriftstellerverbänden wurde die Tat als Anschlag auf uns alle bezeichnet, auf das Leben in Freiheit. Das ist ein Gemeinplatz, der gleichwohl wahr ist, in Chautauqua zudem in einem sehr bestimmten, anschaulichen und greifbaren Sinne. Der Täter hätte sein Opfer überall abpassen können. Er hatte eine Eintrittskarte erworben. Mit demselben bescheidenen finanziellen Einsatz hätte er sich auch Zutritt zu einer Lesung Rushdies in Manhattan oder London verschaffen können. Aber in Chautauqua ist die Zugänglichkeit für jedermann nicht nur Geschäftsgrundlage der Veranstaltung, sondern ein wesentliches Moment der Mission des Veranstalters.

          Alles geht hier ohne Glaubenszwang zu

          Für neun Wochen im Sommer ist der Veranstaltungsbetrieb in Gang, in dem die Institution ihren Daseinszweck hat. Das Programm ist eine bunte Mischung aus Vorträgen, Lesungen, Gesprächszirkeln, Sport, Musik und anderen Formen von Mund- und Handarbeit. Hier hat das freie Leben in seiner besonderen, manchmal als westlich klassifizierten Variante der von Zwecken freigestellten Erkundung des Schönen, Interessanten und Unbekannten eine wiedererkennbare Form ausgebildet, eine Form nahe an der Formlosigkeit. Denn es geht alles zwanglos ab, auch und vor allem ohne Glaubenszwang.

          Kollegen Salman Rushdies berichten, er sei bei öffentlichen Auftritten zuletzt nicht mehr von Personenschützern begleitet worden. Dieses Foto entstand 2015 bei einer Buchvorstellung in Spanien.
          Kollegen Salman Rushdies berichten, er sei bei öffentlichen Auftritten zuletzt nicht mehr von Personenschützern begleitet worden. Dieses Foto entstand 2015 bei einer Buchvorstellung in Spanien. : Bild: EPA

          Die Chautauqua Institution ist aus der christlichen Sommerschulbewegung hervorgewachsen. Gegründet wurde die Einrichtung 1874 von Methodisten, zur Aus- und Fortbildung von Sommerschullehrern, aber sie war von Anfang an überkonfessionell ausgerichtet. In der Gründerzeit war es noch der Streit unter den christlichen Bekenntnissen, der in den Vereinigten Staaten Anlass zum Zweifel an der Vereinbarkeit von Prinzipien religiöser Lebensführung mit den Maximen friedlichen Zusammenlebens gab. Längst geht der ökumenische Ansatz in Chautauqua über das Christentum hinaus.

          In der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts gab es unter dem Namen Chautauqua sogar eine nationale Volksbildungsbewegung, deren Vortragsreisende wie heutige Bestsellerautoren mit dem fahrenden Volk der Schauspieltruppen und Tanzkompagnien konkurrierten. Europäischen Beobachtern kommt die Mischung aus Bildung, Erbauung und Unterhaltung typisch amerikanisch vor, aber die Mode der Ideen-Festivals hat gerade in jüngster Zeit auch auf die alte Welt übergegriffen. Auch Universitäten gehören zu den Institutionen, die Volkshochschulen für Kulturtouristen werden wollen.

          Die ursprüngliche religiöse Inspiration des Unternehmens von Chautauqua ist nicht nur den Tagesprogrammen noch abzulesen, sondern auch dem denkmalgeschützten Ensemble aus Gebäuden und Grünanlagen. Schon im Gründungsjahr der Institution wurde der Palestine Park angelegt, dessen Grundriss die Karte des Heiligen Landes nachbildet: ein heilsgeschichtlicher Freizeitspark, dessen Besuch die Bibellektüre mit Anschauung und Atmosphäre ergänzen soll. Die Besucher der Kurse der Chautauqua Institution wurden lange in Zelten untergebracht. Auch so schien die Lebensweise der biblischen Völker im fernen Westen der Welt wieder aufzuleben.

          Nach dem Mordanschlag auf Salman Rushdie wurden alle Veranstaltungen in Chautauqua erst einmal abgesagt. Die Besucher und Freunde der Institution wurden aufgefordert, für den Verletzten zu beten. Am Freitag hatte nach der Mittagspause eigentlich auch eine muslimische Gebetsstunde stattfinden sollen.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

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