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Charlotte Roche und die Natur : Neue deutsche Angst

  • -Aktualisiert am

Charlotte Roche in der Natur, wo angeblich alles besser sein soll. Bild: Daniel Bremehr

Charlotte Roche trifft für die NDR-Sendung „Die Geschichte eines Abends“ vier Prominente. Und das natürlich im Wald. Denn angeblich soll der gegen einen ganz anderen deutschen Ur-Mythos helfen.

          Dem deutschen Wald geht es mal wieder schlecht. Zwar nicht auf die Weise schlecht wie in den achtziger Jahren, als die Deutschen aus Angst vor dem Waldsterben beinahe in Ohnmacht fielen, nein, diesmal geht es dem Wald ideologisch an den Kragen, denn zwei ganz unterschiedliche Lager haben ihn gerade mit einer Zangenbewegung in den Würgegriff genommen.

          Fragt man konservative bis reaktionäre Kräfte, was sie, wenn sie vor Überfremdung und Identitätsverlust warnen, unter deutscher Lebensart, deutscher Kultur etc. verstehen, dann taumeln die Assoziationen ja irgendwann verlässlich heraus aus der Zivilisation und hinein in die duftende Fauna, in tiefe dunkle Wälder, auf Auen und neblige Wiesen – mitten in die Natur-Romantik also. Man konnte diese ganze verkorkste Logik, dieses innere Programm, vor zwei Wochen hier im Feuilleton en passant, sozusagen in freier Wildbahn nachlesen. Da führte die Schriftstellerin Madame Nielsen Gespräche mit dem rechten Intellektuellen Marc Jongen sowie mit einem jungen Pärchen der sogenannten Identitären Bewegung. Nach anfänglichem Stottern kamen sie dann hervor mit ihrer Vision vom Deutschsein, und das las sich so wunderbar spießig, so einfallslos, wie man es sich kaum auszudenken getraut hätte: Sie schwärmten von Fachwerkhausküchen und Kürbiskompott, von der sanften deutschen Seele, von der Melancholie, vom einfachen Leben auf dem Land mit eigenem Haus aus Stein, von einer Flucht vor „der kapitalistischen Vernutzung und der Industrialisierung“, von einem edlen, geistigen, unangetasteten Deutschland, in dem sie Wagner hören, Bäume pflanzen, Gemüse und Obst anbauen und ihr Bier selber brauen.

          Akkus laden beim Pilze sammeln

          Man war aber noch nicht ganz fertig mit seinem mitleidsvollen Lachen über diese naive Rückwärtsgewandtheit der Völkischen, da kam man schon darauf, dass sie sich mit ihren Ängsten und Träumen doch eigentlich in ganz guter, will sagen, zeitgemäßer Gesellschaft befinden: Es ist ja gerade mal ein halbes Jahr her, da schickte die Bestseller-Autorin Charlotte Roche aus ihrem frisch bezogenen Bauernhaus-Idyll weit vor den Toren Kölns eine Kolumne hinaus in die Welt, in der sie alarmistisch dazu aufrief: „Verlasst die Städte!“ Der vieldiskutierte wie kritisierte Text traf einen Nerv, stieß er doch offenbar auf eine digital übersäuerte, abgeschlaffte Großstadt-Gesellschaft, die sich schon länger darin erschöpft, ihre „Akkus“ beim Pilze sammeln und Brot backen im Umland zu laden und die für eine kurze Pause vom eigenen Smartphone gezielt in brandenburgische Funklöcher flüchtet und dort nebenher, an den langen Wochenenden, den Jagdschein machte und sich bei Manufactum für den Ernstfall eindeckte.

          Charlotte Roche und ihre Gäste Robert Stadlober, Tim Wiese, Annalena Baerbock und Christine Neubauer in einer Hütte im Wald bei Hamburg.

          Roche meinte das genauso, wie sie es da schrieb, wir alle sollten ihrem Beispiel folgen, den ganzen Dreck und die menschenverpestende Stadthölle verlassen und aufs Land ziehen. Natürlich nicht zu ihr direkt, da braucht sie ja ihre Ruhe; jeder muss schon seinen eigenen Bauernhof finden und renovieren und schauen, wie er das finanziert. Im Untertitel hieß es: „Die Großstadt macht den Menschen auf Dauer bloß krank, größenwahnsinnig und kriminell.“ Roche hatte die Lösung für wirklich alles gefunden, und die Lösung hieß, wenn man genauer hinschaute: Geld.

          Raunend ging es da zu in ihrem Text, fast schon apokalyptisch, wenn sie schrieb: „Es hat mit kleinen Stadtfluchten angefangen. Mal rausfahren, im Wald spazieren gehen, dann irgendwann wandern, dann Pilze bestimmen gelernt und plötzlich im Herbst für die ganze Familie Essen im Wald gesucht.“ Für Roche stand fest: Nur im Wald, in der Natur könne der Mensch Mensch sein: „Was ist, wenn ganz viele Straftaten begangen werden von Menschen, die eigentlich die Stadt nicht mehr aushalten und einfach mehr Grün sehen müssten?“, fragte sie darin allen Ernstes.

          Der deutschen Seele so nah wie kaum jemand

          Man hört das ja wirklich alles nicht zum ersten Mal, gestresste Großstädter, die neue Biophilie als Fluchtreflex gegen das Gift der Moderne und so weiter. Vor gar nicht langer Zeit aber waren das ja eher die Alten, vielleicht die Frührentner, die für den Lebensabend die Stadt verließen; und wenn es für Mallorca nicht reichte, dann ging es eben in den Schwarzwald oder die Uckermark. Heute aber verlieren viele offenbar schon mit Ende dreißig die Nerven und bekommen es mit der Angst.

          Apropos Angst, auch so ein deutscher Ur-Mythos wie der Wald, und hier fällt beides in eins. Es ist erstaunlich, dass Charlotte Roche, die gebürtige Engländerin und Kosmopolitin, der deutschen Seele so nahe kommt, wie kaum jemand sonst: In einem Interview mit der „Zeit“ erklärte Roche vor ein paar Jahren, wovor sie alles Angst habe: vor dem Schlafen, vor dem Fliegen, vor Feuer, vor Gas, vor Gift, vor dem Atmen – also vor allem vor dem Tod. Doch Roche scheint endlich ein Mittel dagegen gefunden zu haben, den Wald, die Natur, den Bauernhof, wie sie seit ein paar Monaten nun jeden wissen lässt; in Interviews, in Kolumnen und jetzt auch – brandaktuell – in der von ihr moderierten Folge der Gesprächssendung „Die Geschichte eines Abends“.

          Die Sendung gerät zur Therapiestunde

          Schon bei der Vorankündigung musste einem angst und bange werden: In einer kleinen Hütte mitten in einem norddeutschen Wald, las man da, werde Charlotte Roche ihre Gäste Tim Wiese, Christine Neubauer, Annalena Baerbock und Robert Stadlober begrüßen – man würde kochen, nachtwandern und im Angesichte der erhabenen Natur einmal ganz besonders intim plaudern. Das hieß konkret: über Angst! In nur drei Zeilen Begleittext kam da dreimal das Wort Angst vor, Angst vor dem Sterben, Angst vor Krankheit, Angst vor dem Fremden.

          Und in der Tat gerät die einstündige Sendung zu einer einzigen Therapiestunde. Roche befragt die geplagten Seelen der Unterhaltungsindustrie mit zärtlichstem Timbre über ihren Kummer, eine merkwürdige Mischung aus Beichte und Selbsthilfegruppe entwickelt sich da. Roche scheint in dieser Rolle der umsorgenden Mutter aufzugehen. Zu Beginn spricht sie aus dem Off: „In der Stadt vergammeln meine Gefühle“, und ihre Gäste sollen sich, erklärt sie, hier endlich einmal öffnen und allem freien Lauf lassen.

          Szene aus der NDR-Show „Die Geschichte eines Abend“: Charlotte Roche nimmt zusammen mit Robert Stadlober Fisch aus

          Von Anfang an herrscht größte Intimität, alles ist im Halbdunkel gehalten, schummriges Licht, maximale Skandinavien-Gemütlichkeit, offenes Feuer und weit geöffnete Herzen, die ganze Zeit läuft urbane Entspannungsmusik. Schon bei der Vorspeise fragt Roche den Schauspieler Stadlober: „Und du hast doch ziemliche Angst vor dem Tod, oder?“ Und gleich danach wendet sie sich an Tim Wiese und fragt auch ihn: „Deine Eltern sind doch sehr früh gestorben, oder?“ Und weil Wiese Roche schon vorher beim Ausnehmen der Forellen nach dem tragischen Tod ihrer Brüder gefragt hatte, haben sie schon nach einer Viertelstunde alle über den Tod gesprochen, und die Stimmung ist entsprechend so gedämpft wie die Forellen.

          Was die Natur alles leisten soll

          Der Einzige, der sich zunächst noch wehrt gegen den Bekenntniszwang, ist Muskelberg Tim Wiese. Als er mit Stadlober zum Rauchen vor die Hütte geht, bemerkt der Schauspieler, hier dürfe man doch wegen der Waldbrandgefahr gar nicht rauchen, der Sommer sei doch so trocken gewesen. Wiese aber lacht den Angsthasen aus und entgegnet: „Ach, hier gibt’s doch keinen Waldbrand!“ Später aber, wenn sie gemeinsam am Lagerfeuer sitzen, Gedichte zitieren und „Wonderwall“ von Oasis auf der Gitarre spielen, dann muss auch er nachgeben und bekennen, dass er Angst vor Terroristen hat. Mittendrin darf – wie bei „Big Brother“ – jeder noch mal allein in einer pechschwarzen Kammer seine intimsten Sorgen direkt in die Kamera sprechen. Die Grünen-Chefin Annalena Baerbock zum Beispiel berichtet von ihrer Angst, im Politzirkus das eigene Leben zu verpassen, Schauspielerin Christine Neubauer gesteht: „Der Medienmoloch hat mich krank gemacht“, und Stadlober erklärt: „Vor dem Sterben habe ich Angst, und damit habe ich praktisch vor allem Angst.“

          Charlotte Roche scheint tatsächlich zu glauben, dass nur die Natur, der Wald, dass all dies die Menschen heilen kann von den Sachzwängen der unmenschlichen Zivilisation, wie eine Wundertinktur – sie müssten nur alle hinaus in die Flora und Fauna, so wie sie. Einst rettete der Urwald die Deutschen vor den Römern, heute retten sich Deutsche aller Lager im Wald vor der ganzen Welt. Ein Wahnsinn, was die Natur alles leisten soll für so unterschiedliche Interessensgruppen.

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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          In der Stadt zu leben, in der eigentlichen Polis, wenn man so will, in der gedrängten Gesellschaft von Neuen, Fremden und Alten, das war ja eben immer schon die zivilisatorische Pflicht zum ständigen Kompromiss, zur friedlichen Auseinandersetzung, um Lösungen zu finden. Und dem gegenüber stand eben auch schon immer die elitäre Flucht in den unpolitischen Raum, während draußen die anderen sich mit der Realität abschuften mussten. Ließe sich etwas Unpolitischeres vorstellen, als der totale Rückzug, die Beschwörung der Einsamkeit, getarnt als Öko-Lifestyle, geboren aus Zivilisationsmüdigkeit?

          Die Zukunft deutscher Dauerbesorgnis

          Den abgeschiedenen Bauernhof mit Bulthaup-Küche hinter der Fachwerkfassade unterscheidet von der zurecht verhassten Gated Community in der Innenstadt ja eigentlich auch nur, dass er Stacheldraht, Überwachungskameras und privaten Sicherheitsdienst gar nicht mehr braucht, um unliebsame Menschen von einem fern zu halten. Die Angst wächst ja bekanntlich mit der Höhe der Mauern, sicher aber auch mit der Distanz zu den anderen.

          Gerade vor ein paar Wochen veröffentlichte die Band Frittenbude, die wie ihre gerade omnipräsenten Freunde von Feine Sahne Fischfilet von dem ultralinken Hamburger Label Audiolith vertreten werden, einen Song mit dem Titel „Die Dunkelheit“, der so lichterloh und wutentbrannt daherkam, dass man es kurz beinahe selbst mit der Angst zu tun bekam. Es ging da viel um Doppelmoral, um Lifestyle, um Bio-Companys, gesunde Ernährung und so weiter: An einer Stelle heißt es: „Früher mussten sie alle nach Berlin / und heute raus aufs Land zu Charlotte Roche / Der Mutter Beimer der Generation Alles-wollen-aber-nichts-richtig-Können“.

          Ob es an diesem Song lag, dass unmittelbar im Anschluss bekannt wurde, dass es Mutter Beimer und mit ihr die gesamte Lindenstraße schon bald nicht mehr geben würde, ist nicht sehr wahrscheinlich. Sicher ist aber, dass wir uns um die Zukunft deutscher Dauerbesorgnis, für die ja Mutter Beimer stand wie kaum jemand sonst, keine Sorgen zu machen brauchen. Ihre Nachfolgerin hat bereits die Einmachgläser aus dem Keller geholt.

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