https://www.faz.net/-gqz-6m17f

Charlotte Roche : Feminismus light

  • -Aktualisiert am

Charlotte Roche bezeichnet sich selbst als „Feministin“, wird dem Begriff mit der Reduzierung auf Sex und finanzielle Unabhängigkeit jedoch keinesfalls gerecht. Fehlt Roche das historische Bewusstsein, was die Bewegung war und wollte?

          1 Min.

          Wenn man die Äußerungen von Charlotte Roche zu „Schoßgebete“ beim Wort nimmt, dann müsste man ihren neuen Roman wohl als Ratgeber lesen. Roche entwirft das Bild einer jungen Frau, die infolge eines tragischen Unfalls, bei dem drei ihrer Brüder ums Leben kamen, mit einer Vielzahl von Ängsten und Komplexen belastet ist. Aus dem fürchterlichen Dasein, in das diese Störungen ihr Leben verwandeln, gibt es im Grunde nur zwei Auswege: Selbstmord oder Sex.

          Naturgemäß lassen sich diese Themen im Buch so arrangieren, dass der Leser berührt, geschockt, angewidert, jedenfalls stets irgendwie vor den Kopf gestoßen ist. Dahinter mag man eine genau kalkulierte Provokation erkennen, keinen Tabubruch, sondern höchstens die Inszenierung eines solchen. Wie wichtig ihr diese Themen indes sind, hat Charlotte Roche selbst mehrfach bekräftigt. Sie bezeichnet sich nicht nur selbst als Feministin, sondern geht so weit zu behaupten, es sei „feministisch befreiend“ einzugestehen, dass man sich für den Kontostand und für die Wünsche seines Mannes interessiert – auch wenn Letzteres bedeuten kann, ihn ins Bordell zu begleiten.

          Feminismus ist keineswegs „Fünfziger-Jahre-peinlich“

          An dem Interesse, dem Partner entgegenzukommen, ist zunächst einmal nichts auszusetzen. Es aber als feministische Haltung zu deklarieren führt in die Irre. Ausgerechnet darauf ist Alice Schwarzer in ihrem offenen Brief an die Autorin leider nicht eingegangen. Anstatt den Feminismus, für den sie hierzulande steht, in der Sache zu verteidigen, ergeht sie sich in herablassenden Angriffen.

          Quintessenz: Charlotte Roche habe ein Problem. Womöglich ist es vor allem eines, das mit der zunehmenden Banalisierung des Feminismus-Begriffs zu tun hat. Denn wer sich als Feministin bezeichnet, sollte auch ein historisches Bewusstsein dafür entwickeln, was die Bewegung im Wesentlichen war und wollte: eine nicht allein auf dem Papier, sondern in der sozialen Wirklichkeit existierende Gleichberechtigung von Mann und Frau, die sich in wirtschaftlicher Unabhängigkeit auf der einen und individueller Selbstbestimmung auf der anderen Seite ausdrückt. In diesem Sinne ist der Feminismus keineswegs „Fünfziger-Jahre-peinlich“, wie Charlotte Roche so schön sagt, sondern aktuell wie eh und je. Das sollte bedenken, wer sich des Begriffes leichtfertig bedient. Dann könnte man auch die diversen Spielarten der Sexualität dort lassen, wo sie am besten aufgehoben sind: im Reich des Privaten.

          Lena Bopp
          Redakteurin im Feuilleton.

          Weitere Themen

          Wie sapiens ist der Homo?

          Biodiversität : Wie sapiens ist der Homo?

          Der Mensch verkennt, in welchen Bio-Zusammenhängen er steht: Auf der Jahresversammlung der Leopoldina erklangen zahlreiche Weckrufe.

          Topmeldungen

          Norbert Walter-Borjans am Montag in Berlin

          Wer bildet die Regierung? : Die SPD lockt die Liberalen mit Drohungen

          Die Führung der SPD sucht mit merkwürdigen Methoden nach einem Partner. Gegenüber der FDP und ihrem Vorsitzenden wird sie geradezu beleidigend. Deren Vorstellungen seien „Voodoo-Ökonomie“, sagt Norbert Walter-Borjans.
          Gregor Gysi am Sonntagabend in Berlin

          Einzug ins Parlament : Die drei Retter der Linkspartei

          Die Linke ist bei der Bundestagswahl unter die Fünf-Prozent-Hürde gefallen. Trotzdem darf sie mit 39 Abgeordneten ins neue Parlament. Das hat sie drei Kandidaten zu verdanken, die ihre Wahlkreise gewonnen haben.
          Christian Lindner, Olaf Scholz und Annalena Baerbock im Juni in Berlin

          Analyse der Bundestagswahl 2021 : Welche Koalition wollen die Wähler?

          Wie die SPD im Lauf des Wahlabends aufholte, wieso die Kandidaten für diese Wahl entscheidend waren – und warum die FDP bei den Erstwählern die Grünen abhängt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.