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Charlotte Roche : Feminismus light

  • -Aktualisiert am

Charlotte Roche bezeichnet sich selbst als „Feministin“, wird dem Begriff mit der Reduzierung auf Sex und finanzielle Unabhängigkeit jedoch keinesfalls gerecht. Fehlt Roche das historische Bewusstsein, was die Bewegung war und wollte?

          Wenn man die Äußerungen von Charlotte Roche zu „Schoßgebete“ beim Wort nimmt, dann müsste man ihren neuen Roman wohl als Ratgeber lesen. Roche entwirft das Bild einer jungen Frau, die infolge eines tragischen Unfalls, bei dem drei ihrer Brüder ums Leben kamen, mit einer Vielzahl von Ängsten und Komplexen belastet ist. Aus dem fürchterlichen Dasein, in das diese Störungen ihr Leben verwandeln, gibt es im Grunde nur zwei Auswege: Selbstmord oder Sex.

          Naturgemäß lassen sich diese Themen im Buch so arrangieren, dass der Leser berührt, geschockt, angewidert, jedenfalls stets irgendwie vor den Kopf gestoßen ist. Dahinter mag man eine genau kalkulierte Provokation erkennen, keinen Tabubruch, sondern höchstens die Inszenierung eines solchen. Wie wichtig ihr diese Themen indes sind, hat Charlotte Roche selbst mehrfach bekräftigt. Sie bezeichnet sich nicht nur selbst als Feministin, sondern geht so weit zu behaupten, es sei „feministisch befreiend“ einzugestehen, dass man sich für den Kontostand und für die Wünsche seines Mannes interessiert – auch wenn Letzteres bedeuten kann, ihn ins Bordell zu begleiten.

          Feminismus ist keineswegs „Fünfziger-Jahre-peinlich“

          An dem Interesse, dem Partner entgegenzukommen, ist zunächst einmal nichts auszusetzen. Es aber als feministische Haltung zu deklarieren führt in die Irre. Ausgerechnet darauf ist Alice Schwarzer in ihrem offenen Brief an die Autorin leider nicht eingegangen. Anstatt den Feminismus, für den sie hierzulande steht, in der Sache zu verteidigen, ergeht sie sich in herablassenden Angriffen.

          Quintessenz: Charlotte Roche habe ein Problem. Womöglich ist es vor allem eines, das mit der zunehmenden Banalisierung des Feminismus-Begriffs zu tun hat. Denn wer sich als Feministin bezeichnet, sollte auch ein historisches Bewusstsein dafür entwickeln, was die Bewegung im Wesentlichen war und wollte: eine nicht allein auf dem Papier, sondern in der sozialen Wirklichkeit existierende Gleichberechtigung von Mann und Frau, die sich in wirtschaftlicher Unabhängigkeit auf der einen und individueller Selbstbestimmung auf der anderen Seite ausdrückt. In diesem Sinne ist der Feminismus keineswegs „Fünfziger-Jahre-peinlich“, wie Charlotte Roche so schön sagt, sondern aktuell wie eh und je. Das sollte bedenken, wer sich des Begriffes leichtfertig bedient. Dann könnte man auch die diversen Spielarten der Sexualität dort lassen, wo sie am besten aufgehoben sind: im Reich des Privaten.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

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