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„Charlie Hebdo“ : Sie pfeifen auf alle

Der Mörder läuft noch immer frei herum: die neue Ausgabe von Charlie Hebdo Bild: dpa

„Charlie Hebdo“ war immer das Organ des Affronts und der Brüskierung. Ein Jahr nach den Anschlägen auf ihre Redaktion hat das Blatt nichts von seiner Provokationskraft verloren.

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          Austeilen in alle Richtungen, sich über jeden lustig machen und möglichst viele beleidigen – die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ hat auch mit ihrer Ausgabe zum Gedenken an den 7.Januar 2015 nichts von ihrer Provokationskraft verloren. Auf 32 Seiten ist die am Mittwoch erschienene Sonderausgabe vor allem ein Plädoyer für das Recht auf Gotteslästerung und Kritik an jeder Religion. Die Überlebenden der Redaktion, die vor einem Jahr von zwei islamistischen Terroristen brutal dezimiert wurde, wollen nicht die Radikalen einer Religion für die Missstände dieser Welt verantwortlich machen, sondern gleich alle. Die Lösung sieht der Redaktionsdirektor Laurent Sourrisseau, genannt „Riss“, in einem konsequenten Atheismus oder zumindest einer radikalen Trennung von Kirche und Staat: „Die Überzeugungen der Atheisten und der Laizisten können mehr Berge versetzen als die der Gläubigen“, verkündet er.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Den Spruch „Je suis Charlie“ machten sich vor einem Jahr Millionen von Menschen zu eigen. Viele dürften aber kaum wissen, um wen genau es sich bei „Charlie“ genau handelt. „Charlie Hebdo“ war immer das Organ des Affronts und der Brüskierung. Die Redaktion hat zwar viele ihrer besten Zeichner verloren, und sie tut sich nach eigenen Angaben schwer, Nachfolger zu finden. Doch der rauhe Ton und die groben Bilder sind geblieben. Über seine Vorgänger schreibt Riss: „Das, was sie geschaffen, geschrieben und gezeichnet haben, gelingt nur, wenn man auf alles pfeift. Gott zuerst und dann den Rest.“ Das von ihm gezeichnete Titelbild zeigt einen Gott mit dem Auge der Vorsehung auf dem Kopf und einer Kalaschnikow auf dem Rücken. Sein Gewand ist blutverschmiert. „Ein Jahr danach – der Mörder immer noch auf der Flucht“, lautet die Schlagzeile. Kaum eine Zeitung in Frankreich hat die Zeichnung nachgedruckt. Vertreter verschiedener Religionen und Politiker haben sich in großer Zahl erregt. Doch Frankreich kennt diese Empörungswellen, die „Charlie Hebdo“ oft auslöst. Auf der letzten Seite der Jubiläumsausgabe grüßt die Kulturministerin Fleur Pellerin jedoch mit dem Aufruf: „Schaffen und zeichnen Sie weiterhin die Freiheit.“

          Die jüngste Ausgabe ist auch ein Dokument der Schreckensbewältigung und des Überlebens. Detailgenau beschreiben die Redaktionsmitglieder den Ablauf des Anschlags. Eine Kugel durchdrang die Schulter des Redaktionsdirektors Riss. Auf dem Boden liegend, versuchte er so schwach wie möglich zu atmen, damit die Terroristen an seinem Brustkorb keine Bewegung erkannten. Direkt vor ihm erschossen sie den Mann, dessen Nachfolger Riss werden sollte: den charismatischen Stéphane Charbonnier („Charb“). Ein Lageplan der Redaktionsräume zeigt den Platz jedes einzelnen Mitarbeiters, als die Terroristen hereinstürmten. Manche wollen damit auch klarstellen, was andere Medien falsch berichteten. Die Zeichnerin Corinne Rey („Coco“) beschreibt, wie sie von den Terroristen aufgefordert wurde, den Code an der Eingangstür einzutippen. „Du stirbst oder Charb“, war die Wahl, vor die sie gestellt wurde. Die Kalaschnikows im Rücken, gab sie den Zahlencode ein.

          Eine Reihe von fremden Federn sind für die Jubiläumsausgabe engagiert worden. Im Blatt findet sich ein Text der Philosophin Elisabeth Badinter, die gleichzeitig Großaktionärin von Publicis ist, einer der weltgrößten Werbeagenturen. Die Schauspielerinnen Charlotte Gainsbourg, Juliette Binoche und Isabelle Adjani schreiben Worte der Sympathie und der Ermutigung. Die islamistischen Fanatiker bekommen in den Zeichnungen ihr Fett weg: Wir sehen etwa IS-Kämpfer, die trotz Finanznot ihr Abonnement von „Charlie Hebdo“ verlängern, oder den Terrorchef al Bagdadi, der beklagt, dass er in der Jubiläumsausgabe nicht mitschreiben durfte.

          Sie sind nicht verstummt

          Die Religion und die Kritik an ihr sind der rote Faden der Ausgabe. Der zur Redaktion gehörende Journalist Antonio Fischetti berichtet, wie Blasphemie in immer mehr Ländern ins Gefängnis führt, so in Pakistan, Iran, Bangladesch, Nigeria, Saudi-Arabien, Algerien, Marokko und Russland. Selbst in Griechenland habe die Karikatur eines Mönchs auf Facebook zu einer Bewährungsstrafe geführt, und in Ländern wie Deutschland und in Regionen wie dem Elsass würden Gesetze gegen Blasphemie zwar nicht durch Strafen bewehrt, doch zum Leidwesen des Autors existieren sie.

          Mit viel Kampfgeist geht „Charlie Hebdo“ also in das Jahr zwei nach den Anschlägen. Die Kioskauflage ist fünf bis sechsmal höher als zuvor, und in der Kasse befinden sich nach Aussage des Anwalts der Zeitschrift rund zwanzig Millionen Euro. Für eine Redaktion mit weniger als zwanzig Festangestellten ist das ein gutes Polster. Die Terroristen haben es nicht geschafft, das französischen Zentralorgan der frechen Freiheit zum Verstummen zu bringen. „Niemals hatten wir so viel Lust, all jenen auf die Fresse zu hauen, die unser Verschwinden wünschten“, schreibt Riss.

          Satire-Zeitschrift : Ein Jahr nach dem Anschlag auf „Charlie Hebdo“

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