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Zum Tod von Bernard Haitink : Charakterkopf am Pult

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Er war stets gelassen und souverän: Bernard Haitink Bild: AP

Er entsprach nicht dem Klischee eines Pultstars und war doch ein Dirigent, dem sich die Orchester anvertrauten und der in der Strenge auch Leidenschaft zeigte: Jetzt ist Bernard Haitink nach einer langen, großen Laufbahn gestorben.

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          Die wirkliche Aufgabe eines Kapellmeisters bestehe darin, sich augenscheinlich überflüssig zu machen und mit seiner Funktion möglichst zu verschwinden. Was Franz Liszt einst in seinem „Brief über das Dirigieren“ als Ideal formulierte, scheint kein anderer großer Orchesterleiter heute so genau befolgt zu haben, wie Bernard Haitink. Ein Trugschluss wäre es allerdings, daraus abzuleiten, der holländische Dirigent, der seit mehr als einem halben Jahrhundert mit allen Orchestern von Rang in Verbindung stand, habe als Kapellmeister im idealen Sinne Liszts sich selbst verleugnen müssen, um den Komponisten zur angemessenen Interpretation ihrer Werke zu verhelfen. Das unscheinbare Beiwort „augenscheinlich“ zeigt an, was Liszt im Grunde forderte: nicht die öffentlich bezeugte Attraktion am Pult, vielmehr ein unmissverständliches Zeichengeben für die Musiker, erarbeitet in akribischen Probensitzungen. In diesem Sinne konnten sich die Orchester weltweit auf den nicht zur Pose neigenden Haitink immer verlassen.

          Bernard Haitink entsprach nicht den Klischees eines Pultstars. Er war kein unnahbarer Herrscher, kein Dramatiker der Geste und auch keine überwältigende Erscheinung. Ebenso wenig war er Dogmatiker einer bestimmten Ästhetik, ein wortreicher Exeget und schon gar kein Magier mit dem Taktstock. Dafür vereinigte er in seiner Person viel von dem, was einen großen Dirigenten und Künstler auszeichnet: Gestaltungskraft und Verständnis für die immanente musikalische Logik eines Kunstwerks, durch Kompetenz legitimiertes Durchsetzungsvermögen und zugleich Gelassenheit im Umgang mit dem Orchester, was dazu führte, im wahrsten Sinne des Wortes Spielraum für diejenigen zu lassen, die um der Sache der Musik willen Bühne und Orchestergraben mit ihm teilten.

          Star ohne Starallüren

          Wer sich fragt, warum Bernard Haitink zu einem der beliebtesten Dirigenten internationaler Eliteorchester von Amsterdam bis Wien, von Berlin bis Dresden, von London bis Boston werden konnte, muss nur die Kombination von ausgeprägtem musikalischen Sachverstand und menschlichen Qualitäten zusammenfügen, um eine Antwort zu finden. Dabei war Haitink kein Mann ohne Leidenschaft und feuriges Engagement. Um das zu stützen, könnten das Königliche Opernhaus Covent Garden in London und die Sächsische Staatskapelle Dresden ebenso ein paar erhellende Argumente beisteuern wie das Concertgebouworkest Amsterdam, die erste Station und gleich eine der großen seiner langen, höchst erfolgreichen künstlerischen Karriere.

          So drohte Haitink an der Jahrtausendwende mit dem sofortigen Rücktritt vom Posten des musikalischen Direktors von Covent Garden, falls es tatsächlich wegen der Renovierung des Hauses zur vorgesehenen Auflösung von Chor und Orchester kommen sollte. Erst nachdem der Bestand des Ensembles zugesichert wurde, band er sich weitere Jahre an jenes Haus, dessen Leitung er schon 1987 übernommen hatte. Vom Chefposten der Sächsischen Staatskapelle Dresden trat er vorzeitig 2004 zurück, weil er sich mit der Wahl des Orchesters für einen Nachfolger nicht einverstanden zeigte, der im übrigen die Staatskapelle dann nach relativ kurzem Engagement wieder verließ. Und der Disput mit dem künstlerischen Direktor des Concertgebouworkest über die Ausrichtung des Orchesters führte 1988 zu Haitinks Demission als musikalischer Leiter dieser holländischen Institution von Weltgeltung nach siebenundzwanzig Jahren. Ein paar Jahre später ernannte ihn ebenjenes Orchester zu seinem Ehrenpräsidenten, eine zuvor noch nie verliehene Auszeichnung.

          Man hat Bernard Haitink einen unbestechlichen Sachwalter der von ihm interpretierten Werke bezeichnet, als einen Künstler, der der Musik diene, sie für sich selbst sprechen lasse, werktreu die Partituren wiedergebe und sich um eine angemessene Pflege der Meisterwerke von Mozart, Brahms, Bruckner oder Gustav Mahler gekümmert habe. Solche trügerischen Komplimente mit dem Beigeschmack von musikalischem Beamtentum hat Alfred Brendel bei Gelegenheit mit dem bissigen Kommentar versehen, es gebe eine Krankenpflege, aber keine Mozartpflege.

          Bernard Haitink hat nichts sich selbst überlassen, aber auch nichts gepflegt, eingehegt oder routinemäßig aufgeführt. Er besaß eine wache geistige Energie, die er den Werken stets widmete. Die Nonchalance eines Hans Knappertsbusch, der Repertoirestücke nicht mehr probte, weil er meinte, es genüge, wenn er und das Orchester wüssten, was in der Partitur stehe, war ihm ebenso fremd wie Mystifizierung des Kunstwerks. Auf die Frage, was man benötige, um Richard Wagners kraftraubende Bühnenwerke angemessen wiederzugeben, antwortete er mit einem lakonischen Wort der großen Birgit Nilsson: bequeme Schuhe. Auch die Gesetze der Partitur fanden bei dem ansonsten auf Detailgenauigkeit wie auf große Spannungsbögen gleichermaßen achtenden Dirigenten, ihre je unterschiedlichen Auslegungen, konnten – wenn es sein musste – auch einmal gebrochen werden.

          Transparenz als ästhetisches Credo 

          So hat er etwa bei seinen grandiosen Aufführungen der Symphonien von Johannes Brahms mit dem Chamber Orchestra of Europe die Expositionswiederholungen in den Kopfsätzen der ersten drei Symphonien – ein zur Entstehungszeit schon etwas überkommenes Verfahren – ganz unterschiedlich behandelt. In der dritten Symphonie ließ er stets mit originaler Wiederholung spielen, in der zweiten nur gelegentlich, weil der Satz damit unverhältnismäßige Ausdehnung bekommt. Und in der ersten Sinfonie zweifelte er bis zuletzt, ob man in diesem störrischen Satz die musikalische Energie mit den Wiederholungen bewahren könne. Transparenz lautete stets sein ästhetisches Credo.

          Bernard Haitink war gerade in seiner zurückhaltenden, unprätentiösen Art ein musikalischer Charakterkopf am Pult großer Orchester. Dass er im Alter von fünfundzwanzig Jahren schon nach wenigen Aufführungen regelmäßig das Concertgebouworkest seiner Vaterstadt Amsterdam leiten durfte, hat er immer selbstkritisch als viel zu früh bezeichnet. Zum Pionier der Mahler-Renaissance in den späten fünfziger Jahren sei er nicht durch eigene Initiative avanciert, er habe lediglich die frühe Mahler-Tradition des Amsterdamer Orchesters seit Willem Mengelberg wieder aufgenommen. Auch sonst hat er nicht viel Aufhebens von seinen Leistungen gemacht, von denen die Musikwelt so lange profitiert hat, das Concertgebouworkest und das London Philharmonic Orchestra, die Opernhäuser in London und Glyndebourne im besonderen, vor allem aber die Komponisten, denen er mit wunderbar ausbalancierten Gesamtaufnahmen seine Reverenz erwies: Beethoven, Schumann, Brahms, Bruckner, Tschaikowsky, Schostakowitsch, Vaughan Williams und natürlich die Opernkomponisten von Mozart bis zu Richard Wagner.

          Bernard Haitink hat bis ins höchste Alter am Pult gestanden, im Dezember 2017 etwa noch bei den Berliner Philharmonikern und mit dem Tonhalle-Orchester Zürich. Am Donnerstag er als einer der großen Dirigenten unserer Zeit, der lange schon in der Nähe von Luzern lebte, im Alter von 92 Jahren in London gestorben.

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