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Chaos Communication Congress : Wir brauchen jetzt nur noch Geduld

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Das Unsichtbare begreifbar machen

Ihm gehe es ohnehin nicht so sehr um Abbildungen, fuhr Paglen fort. Er interessiere sich vielmehr für die „Secrecy“, die Heimlichkeit, die sich hinter diesen Bildern verberge. Secrecy sehe er dabei nicht als Sache des politisch gewollten Nichtwissens, sondern als „State“, als Zustand und Art, in der Dinge gemacht werden. Eine gute Metapher dafür sei die dunkle Materie, die man ebenfalls nicht sehen, aber detektieren könne, sagte Paglen. Man kann Rückschlüsse auf sie ziehen, weil man wisse, welche Wirkung sie zeigt. Die Aufgabenstellung formulierte er entsprechend: Wenn in den Zeitungen steht, dass die CIA geheime Gefängnisse unterhält und Gefangene über alle Kontinente verfrachtet, dann muss es Flugzeuge, Personen und Orte geben, die sich aufspüren lassen.

Paglen fotografierte Flugzeuge im Himmel, besuchte Militärbasen, Orte vermuteter Gefängnisse und befragte Behörden. Unternehmen wie „Stevens Express Leasing“, „Richmor Aviation“ oder „Path Corportation“ hätten die Genehmigungen weltweit auf Militärbasen zu landen. Paglen besuchte sie, ließ sich darüber Auskunft geben, wem diese Unternehmen gehörten. In einem Fall waren die Inhaber mehr als 130 Jahre alt, im anderen Fall waren mehrere Dutzend Mitarbeiter Geister, mit Namen von Personen, die es gar nicht gibt. Es handelte sich um „Front-Corporations“ der CIA, sagte Paglen. In einem Fall bekam er Zugang zu den Akten eines Rechtsstreits über Abrechnungen in dem sich sogar die Telefonate mit den Geheimdienstzentralen, die während der Flüge geführt wurden, plötzlich aufzeigen ließen.

Paglen kombinierte die Fotografien des Himmels mit den Daten über die Unternehmen, den Flugplänen und Orten von Militärbasen, die er kannte – und ging den nächsten Schritt. Ihn interessierten nicht nur die Institutionen, sondern auch die Infrastruktur, die sie miteinander verband. Die CIA gebe ihren Kommandoeinheiten keine Namen, sagte Paglen. Er stieß allerdings auf ein anderes Phänomen, das im Saal Lachen hervorrief. Die Kommandoeinheiten gaben sich ihre Namen selbst, in Form von Missionsabzeichen, wie sie auf Uniformen zu finden sind. Da alles der Geheimhaltung unterlag, gab es kein Grund für Beschönigungen.

„Lasst uns über sie lachen“

Ein geheimes Kommando, das beauftragt war, ebenso geheime Transportflugzeuge zu betanken, schrieb auf sein Abzeichen: „NKAWTG“. Ausgesprochen heißt das: „Nobody kicks Ass without Tanker Gas“. Entsprechend aufschlussreich waren die Symbole, die Paglen Ikonographen als Forschungsobjekt vorschlug: Drachen mit amerikanisch beflaggten Flügeln, die den Globus fest im Griff hielten, Zauberer mit Raketen und Schwertern, grüne Monster in der Dunkelheit. Eine Einheit, die mit der Steuerung eines Spionagesatteliten beauftragt war, gab sich das passende Motto: „Wir verrichten Gottes Werk mit anderer Leute Geld“.

„Wir sollten diese Institutionen nicht hassen, wie sie uns hassen. Wir sollten über sie lachen“, sagte Paglen zum Schluss. Trotz der Enthüllungen in diesem Jahr blieb dieses Lachen niemandem im Halse stecken. Wenn auch die Hackerikone Tim Pritlove den Kongress damit begann, zu erklären, dass es kein Motto gebe. Die Teilnehmer fanden eins: „Herausforderung angenommen!“ Frank Rieger und Felix von Leitner verliehen Edward Snowden den „Balls of Steel“-Award, eine jährliche Auszeichnung, die bislang für mehr oder weniger absurden Heldenmut verliehen wurde. In diesem Jahr gab es über den Preisträger keine Diskussionen, sagten sie. In diesem Jahr war der Preis auch ernst gemeint. Constanze Kurz bedauerte, dass „es zum Narrativ geworden ist, dass sich niemand für die Spähaffäre interessiert“. Die Lösung formulierte Frank Rieger: „Wir müssen Geduld haben.“

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