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Chaos Communication Congress : Eine Nacht im Kongresszentrum

Während in der Lobby noch gearbeitet wird, feiert eine Minderheit in der „Halle“: das Congress Centrum Hamburg während des 30C3 Bild: dpa

Ja, Party und Computer passen zusammen, wenn auch nicht alle mitmachen: vom nächtlichen Leben auf dem Chaos Communication Congress.

          2 Min.

          Wir schätzen unsere Wartezeit an der Bar auf etwa fünfzehn Minuten. „Ich glaube, wir müssen das hier ein bisschen eskalieren“, sagt mein Nachbar. Er trägt einen grauen Kapuzenpulli, Dreitagebart und eine vertrauenerweckende Frisur, die mich veranlasst hat, das Gespräch mit ihm zu suchen. Als wir beginnen, Gläser hinter der Bar hervorzuholen und zu einer Pyramide zu stapeln, sagt jemand in der Schlange hinter uns, wir sollten das lieber lassen, das sei kein funktionierendes System. „Aber du bist überstimmt“, sage ich. „Wir sind nur zu dritt, das ist keine funktionierende Demokratie“.

          Morten Freidel
          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

          Von der Decke der „Halle“ im Chaos Communication Congress hängen etwa fünf Meter lange rote Fahnen, bedruckt mit Nullen und Einsen. In der Mitte steht ein Auto, von Graffitis überzogen, am Fenster baumelt ein Schild: „Gestern war die Zukunft besser“. Rauch steigt auf. „Ich glaube, wir müssen die Situation deeskalieren“, sagt mein Nachbar und beginnt die Gläser zurückzuräumen. Die Barkeeper beachten uns nicht.

          Tanzen mit Pacman

          Später, als wir unsere Getränke bekommen haben, frage ich ihn, wie lange er schon Mitglied beim Chaos Computer Club ist. Er findet, ich verhalte mich wie ein Reporter. „Du bist doch bestimmt ein Reporter, oder?“ Seine Freunde lächeln, und schauen auf ihre Handys. Vor der Party habe ich selbst drei Tweets veröffentlicht, einer wurde als Favorit markiert. Mir gefällt der Begriff Reporter, er erinnert an den rasenden Reporter Tim aus Tim und Struppi, an die besten Zeiten des Journalismus. Ich verlasse die Gruppe mit einer gnädigen Handbewegung.

          Vor der Tanzfläche steht ein alter Wasserwerfer der Polizei, die Türen sind geöffnet. Ich steige auf den Fahrersitz, der vom Bass der Musik vibriert. Die wenigen Bordinstrumente wirken riesengroß und vollkommen übersichtlich. Hinter der milchigen Scheibe bewegen Leute den Oberkörper zur Musik, auf ihre Rücken sind die Monster aus dem Computerspiel Pacman projiziert. Ein Mann mit Shamanenstab, Halbglatze und einer John-Lennon-Brille geht durch die Menge, dann eine Frau mit rotem Pullover und einem Sturmtruppenhelm aus dem Star-Wars-Universum. Rauch steigt auf.

          Eine Parallelwelt in der Parallelwelt

          Ich stehe an einem Werkzeugwagen, an der eine seidene Flagge der National Security Agency baumelt. Hier wird Blackjack gespielt, um Wodka statt Geld. „Kannst Du bis einundzwanzig zählen?“, fragt ein Mann. „Immerhin etwas. Keine Sorge, Du kriegst auf jeden Fall einen Wodka, egal ob Du gewinnst oder verlierst.“ Drei weitere Leute spielen mit, die Bank verliert. Spenden sammelt die National Security Agency in einer grünen Plastikgießkanne, und man versichert mir, dass sie nur in Wodka investiert würden.

          Es ist etwa zwei Uhr nachts, aber draußen in der Lobby ist immer noch mehr los als hier in der „Halle“. Dort sitzen die Menschen im Neonlicht, vor blinkenden Computern, sie programmieren oder schauen sich die Aufzeichnung des Jahresrückblicks an, den die beiden Sprecher des CCC, Constanze Kurz und Frank Rieger, ungefähr eine Stunde vorher gegeben haben. Die Party in der „Halle“ erscheint wie eine Parallelwelt in der Parallelwelt.

          Ich schaue auf meinen Twitter-Account: zwei neue Follower, ein weiterer Tweet wurde als Favorit markiert. Ich suche in der Halle nach meinem Nachbar an der Bar, kann ihn aber nicht finden. Aber ich entdecke ein altes, analoges Militärtelefon. „Handapparat auflegen! Sonst Abhörgefahr“, steht drauf. An der Seite ist eine Kurbel angebracht. Ich lege den Hörer ans Ohr, kurbele und horche. Ein Knacken, sonst nichts.

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