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Chaos Communication Congress : Ein Tor zur Anonymität

Unterwegs im Auftrag der Anonymität: Roger Dingledine und Jacob Appelbaum während ihres Vortrags auf dem 30C3 Bild: Screenshot

Im Internet sind Anonymität und Privatsphäre in die Defensive geraten. Wie schlägt sich das Anonymisierungsnetzwerk Tor im Wettrüsten mit den Diensten?

          3 Min.

          Im Oktober veröffentlichte der Guardian ein geheimes Dokument der NSA, das sich mit dem Anonmyisierungsnetzwerk Tor befasst, Titel: „Tor stinkt“. Die Präsentation enthielt eine Grafik, die einen für den Geheimdienst wohl typischen Tor-Nutzer zeigen sollte: Einen Mann mit Augenbinde, vor sich einen Rechner, hinter sich ein Maschinengewehr. Die Überschrift lautete: „Ein Terrorist mit Tor-Client“. Anschließend machte eine dezent überarbeitete Grafik bei Twitter die Runde. Auf ihr war derselbe Mann mit Augenbinde zu sehen, hinter sich allerdings kein Maschinengewehr, sondern ein Schild mit der Aufschrift: „1984 war nicht als Anleitung gedacht.“ Die neue Überschrift lautete: „Ein Aktivist mit Tor-Client“.

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

          Ähnlich humorvoll gestalteten Aktivist Jacob Appelbaum und Roger Dingledine, einer der beiden Chefentwickler von Tor, am Freitag abend ihren Vortrag beim Chaos Communication Congress in Hamburg. Dabei konnten sie zeigen, dass Tor sein selbstgestecktes Ziel, Anonymität für den Nutzer,  weitgehend erreicht. Zwar gebe es zahlreiche Programme der NSA, die die Identität einzelner Nutzer enthüllen könnten, erklärte Appelbaum, aber nur mit sehr hohem Aufwand und nicht mit letzter Sicherheit. In manchen Fällen brauche der Geheimdienst etwa acht Monate, um einen einzigen Nutzer zu enttarnen. „Wer Tor nicht nutzt, macht es dem Geheimdienst deutlich leichter.“

          Der Widerstand der Konzerne

          Stärker noch als die geheimdienstlichen Angriffe setzt dem Anonmyisierungsnetzwerk allerdings die negative Berichterstattung zu. Nachdem das FBI in diesem Jahr einen Ring von Drogenhändlern im Tornetzwerk zerschlagen konnte, die „Silk Road“, habe die BBC einen Artikel veröffentlicht, der den Leuten zeigen sollte, wie sie „sich ihre Drogen bei Tor sicher besorgen können“, sagte Dingledine. Das bestimme immer noch die Wahrnehmung des Netzwerks. In Wirklichkeit aber werde Tor genauso von einfachen Bürgern und Aktivisten genutzt. Für Oppositionelle in Diktaturen biete es oft die einzige Chance, sich politisch im Internet zu engagieren. Trotzdem habe die BBC noch einen weiteren Artikel über den Drogenhandel bei Tor veröffentlicht. „Er hatte ungefähr folgenden Inhalt: Wir haben welche gekauft, und sie waren echt gut“.

          Wie wird Tor in der Öffentlichkeit wahrgenommen? Appelbaum versuchte das mit einer Folie zu verdeutlichen, die drei Aussagen enthielt: „Tor ist das dunkle Internet. Tor ist das tiefe Internet. Tor ist das <hier negativ konnotierten Begriff einsetzen> Internet“. Die ersten beiden Aussagen träfen zu, aber das sei nicht unbedingt schlecht. „Denn das dunkle Internet ist überall dort, wo Google nicht hinkommt.“

          Deswegen wehrten sich nicht allein die Geheimdienste, sondern auch die großen Konzerne gegen Tor. Wer zum Beispiel über Tor skypen möchte, werde von Microsoft ausgeloggt, kritisierte Appelbaum. Auch Wikipedia, das Empfehlungsportal Yelp, und – kaum überraschend – Google, versuchen anonymisierten Traffic zu unterbinden. Denn Anonymität, das zeigte der Vortrag von Dingledine und Appelbaum, bedeutet nicht allein Privatsphäre, sie bedeutet auch Wahlfreiheit und Konsumfreiheit. Also etwas, das die großen Konzerne längst vollständig in ihrem Sinne zu beeinflussen suchen. Tor hat deshalb auch über den Geheimdienstskandal hinaus seine Berechtigung, garantiert es doch die Neutralität des Netzes, die sich am ehesten in der Neutralität von Optionen widerspiegelt, die ein Internetnutzer hat. Wo aber alles vollständig personalisiert ist, ist nichts mehr neutral.

          So wird beim dreißigsten Chaos Communication Congress deutlich, dass sich die Zeiten, in denen man seinen Browser öffnete und staunend eine Welt in der Welt entdeckte, dem Ende zuneigen. Wer sich seine Privatsphäre und die freie Wahl der Optionen erhalten will, muss mitdenken und notfalls Programme wie Tor verwenden, die zwar leichte Komforteinbußen bringen, diese aber mit großen Gewinnen kompensieren. Wer sich im Internet bewegt, muss technische Entscheidungen treffen, anderenfalls arbeitet er ungefragt für Geheimdienste und Unternehmen.

          Zum Abschluss ihres Vortrags wurde deutlich, wie wenig eine Entscheidung für die Privatsphäre kostet. Für den Nutzer ist sie umsonst, denn Tor ist im Internet frei erhältlich. Und die Entwickler kostet sie etwa zwei Millionen Dollar im Jahr, wie Dingledine betonte. „Sollten wir im nächsten Jahr sogar etwa drei Millionen erhalten, können wir richtig spannende Projekte in Angriff nehmen“. Angesichts des Milliarden-Etats der Geheimdienste kaum der Rede wert. Und der dürfte mit jedem Tor-Nutzer notgedrungen weiter steigen. Wenn Tor stinkt, dann ist jedenfalls klar, wem.

           
          Zum Vortrag von Jacob Appelbaum und Roger Dingledine bitte im folgenden Video des ganzen ersten 30c3-Tages bei etwa 7:32 einsteigen

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