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Chaos Communication Congress : Der Hacker als Künstler und Aktivist

Der 31. Chaos Communication Congress findet noch bis zum 30. Dezember in Hamburg statt. Bild: dpa

Die Hackerszene hätte gute Gründe zur Ernüchterung. Auf dem diesjährigen Chaos Communication Congress in Hamburg hat sie sich dennoch dem Prinzip Hoffnung verschrieben.

          Was passiert, wenn jemand ein Album mit Nazi-Parolen veröffentlicht? Es landet auf dem Index. Was geschieht, wenn jemand ein Album veröffentlicht, um Nazi-Parolen zu demaskieren und öffentlich bloßzustellen? Es landet ebenfalls auf dem Index. Das Künstlerkollektiv „Atari Teenage Riots“ musste das 2002 erleben, als die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) die Verbreitung ihres Albums „Future of War“ untersagte, unter anderem weil es die Zeile enthielt: „Ich fürchte um einen weißen Planeten“. Damit wollte ein Rapper seine Sorge vor rassistischer Diskrimierung ausdrücken. Das BPjM befand allerdings, die Aussage könnte auch Kaukasier benachteiligen.

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik.

          Alexander Wilke-Steinhof, Gründer von „Atari Teenage Riots“, gab diese Anekdote in seinem Eröffnungsvortrag auf dem 31. Chaos Communication Congress zum Besten, und sie fügte sich passgenau in die diesjährige Schwerpunktsetzung der Hackerkonferenz ein. Ihr Motto lautet „A new dawn“, übersetzt in etwa „eine neue Hoffnung“. Ein Titel, den man als Aufforderung begreifen sollte, weniger als Tatsachenbeschreibung.

          Über ein Jahr ist vergangen, seit der Whistleblower Edward Snowden mit seinen Enthüllungen der Weltgemeinschaft den Atem raubte; und die Aufregung, die damals um den Globus ging, erfasste auch die Hackerszene. 2013 gab sich der Chaos Communication Congress kämpferisch: Er hatte zwar kein offizielles Motto, aber als Glenn Greenwald, der per Konferenzschaltung zugeschaltet war, seine Eröffnungsrede geendet hatte, verabschiedete ihn das Publikum mit überschwänglichem Beifall. Es war klar: Hier arbeitete man an einem Gegenentwurf zur geheimdienstlichen Überwachung.

          Schweigen aus der Politik

          Mittlerweile aber gibt es gute Gründe, ernüchtert zu sein, denn die Geheimdienste arbeiten weiter wie bisher, und die Politiker schweigen. Es sei frustrierend, sagte Wilke-Steinhof, dass sich die Dinge nicht schneller änderten. Sein Vortrag war trotzdem nicht als Kapitulation, sondern als Aufforderung zu verstehen, das gesellschaftliche Engagement auf auf das Feld der Kunst auszuweiten: „Wenn die Dinge hoffnungslos wirken, erinnert euch daran, Kultur einzusetzen und Menschen zusammenzubringen.“ Mit dem Motto „A new dawn“ wollen die Hacker also nicht nur ihr Einsatzfreude auffrischen, sondern auch ihre Mittel. Nach Wilke-Steinhof sollen sich Hacker und Künstler zusammenschließen, um die Dinge, die sie verändern wollten, besser durchzusetzen. Kunst ist hier das Schmiermittel, um die Ideen und Lösungen der Hacker im öffentlichen Bewusstsein zu verankern.

          Natürlich wird auch in diesem Jahr wieder an der Technik gefeilt, und besonders die Überwachungsanfälligkeit des Smartphones in den Blick genommen: Der Kommunikationsexperte Tobias Engel erklärte zum Beispiel, wie sich die Bewegung von Smartphones alleine über ihre Telefonnummer nachverfolgen lässt, später folgte ein Vortrag zur „mobilen Selbstverteidigung“. Darüber hinaus steht in diesem Jahr aber nicht nur die künstlerische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Missständen stärker im Vordergrund, sondern auch die politische.

          Wie man eine Botschaft kontrolliert

          Von besonderem Interesse ist deshalb die Sprache. Es geht um Missverständnisse, und darum, dass die sprachlichen Zeichen nicht mehr zu den Dingen passen, die sie repräsentieren sollen. So lässt sich erklären, warum das Album „Future of War“ der „Atari Teenage Riots“ seinerzeit auf dem Index landete. Und so erklärte der Sprachwissenschaftler Joachim Scharloth zusammen mit einem Kollege von der TU Dresden das Verhalten des Kremls in der gegenwärtigen Ukraine-Krise. Dabei bezogen sie sich auf einen Vortrag des italienischen Autors Umberto Ecos, der argumentiert hatte, dass es im Propagandakrieg nichts nütze, den Kanal der Informationsverbreitung zu kontrollieren, weil das, was eine Botschaft aussagt, nicht der Sender bestimmt, sondern der anthropologische Standpunkt des Betrachters: Ein Banker kann eine Werbung für einen Kühlschrank als Kaufanreiz begreifen, ein mittelloser Mann als Anklage eines Wirtschaftssystems, das ihm die Teilhabe verwehrt.

          Um die Botschaft zu kontrollieren, muss man nach Eco deshalb so nah wie möglich an die Botschaft heran. Es geht also nicht um die Mitteilung an sich, sondern ihre Deutung. Diese Gedanken, das zeigte Scharloth, haben sich Putins ideologische Strategen schon lange zu eigen gemacht. Scharloth zeigte eine alte Videoaufnahme des russischen Psychologen Igor Panarin, der erklärte, Russland könne das Ziel einer eurasischen Union unter seiner Führung nur erreichen, wenn es das öffentliche Bild im Ausland kontrolliere. Um die Informationsmacht des Westens zu brechen, forderte er deshalb „eine automatische, patriotische Troll-Software“. Sie hatte Scharloth mithilfe seines Kollegen tatsächlich programmiert. Das Programm mit dem Namen „Shake the Dugin“ antwortete vor den Augen des Publikums auf die Behauptung „Russland ist geschwächt“ prompt mit „Russland ist stärker denn je“.

          Scharloth schloss seinen Vortrag mit den Worten des Feldherrn Clausewitz: „Der Krieg neigt zum Totalen“. Die Ukraine-Krise zeige, dass sich das Prinzip der Extremisierung weit über die konventionelle Kriegsführung hinaus erstrecke. „Dinge wie Wahrheit und Glaubwürdigkeit sind ihm nur Ressourcen“. Wenn diese Begriffe aber keine regulativen Kraft mehr besäßen, würden sie zu einer Waffe.

          Das Motto „A new dawn“ scheint für den 31. Chaos Communication Congress deshalb gut gewählt. Denn in den heutigen Zeiten sollten Hacker nicht nur am Computer sitzen. Sie sollten auch zu Künstlern und politischen Aktivisten werden.

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