https://www.faz.net/-gqz-7ku5t

Chaos Communication Congress : Der Journalismus, den Greenwald meint

  • -Aktualisiert am

Gestalter eines Mediensystems im Wandel? Der Journalist Glenn Greenwald hatte auch eine Botschaft für seine Kollegen Bild: screenshot

Welche Folgen hat die Späh-Affäre für den Journalismus unserer Zeit? Glenn Greenwald stellte in Hamburg die richtigen Fragen, blieb eine Antwort jedoch schuldig.

          Glenn Greenwald war nicht persönlich da, als er am Freitagabend vor beinahe 5000 Teilnehmern des 30. Chaos Communication Congress aus Brasilien zugeschaltet in Hamburg redete. Aber er hat eine Debatte mitgebracht, die auf die eine oder andere Weise bereits in angelsächsischen Medien geführt wird. Darauf kam er selbst schon in seiner Rede zu sprechen. Manche Journalistenkollegen, die ihn interviewten, weil er als Snowden-Vertrauter selbst zur interessanten Person in der Spähaffäre wurde, sprachen ihn an, wenn die Kameras aus waren. „Ist das wirklich wahr, dass Sie gerade einen General der öffentlichen Lüge bezichtigten?“

          Laut Greenwald sei das im angelsächsischen Journalismus nämlich nicht nur unüblich, sondern geradezu unredlich. Männer mit Abzeichen auf der Brust werden nicht kritisiert, selbst wenn man wisse, dass sie lügen, kritisierte Greenwald seine Kollegen. Mit dem in dieser Behauptung steckenden Aufbegehren dagegen, als Journalist „loyaler Diener“ der Mächtigen zu sein, rückt sich Greenwald allerdings in die Nähe derer, über die und mit Hilfe derer er in den vergangenen Monaten über die Geheimdienste berichtete.

          Zwischen Objektivität und Aktionismus

          Darf ein Journalist die Grenze zwischen Journalismus und Aktivismus überschreiten, fragte an Greenwalds Rede anschließend Zeit-Online. Greenwald sei „ein Mann, der sein Feindbild gefunden“ habe. Wo liege die Grenze zwischen Journalismus und Aktivismus, fragte Greenwald auf Twitter zurück. Solle man „lieber vortäuschen, keine Sicht auf die Dinge zu haben?“

          Die Zeit-Online-Autoren stellten anschließend fest, dass kein Journalist neutral sei, worauf hin Greenwald nachfragte, ob das nicht bedeuten würde, dass jeder Journalist zum Aktivisten werde.
          Diese Debatte ist nicht neu. Über das Konzept Objektivität lernen Journalisten in ihrer Ausbildung. Auch über ihre Grenzen. In diesem Fall, das zeigt die angelsächsische Rezeption der Spähaffäre, ist der Fall aber einfacher. Greenwald, das sagen auch die Zeit-Online-Autoren, die die Debatte hierzulande aufgeworfen haben, arbeitet als Journalist „beschreibend, sachlich und gründlich“.

          In Debatten vor Kamera allerdings tritt er nur hierzulande ungewöhnlich aktivistisch auf. Diese Auftritte ließen sich ebenso als Gespräche auf Augenhöhe beschreiben. Bemerkenswert ist, dass nicht nur die amerikanischen Medien dadurch aufgefallen sind, durchweg mit deutlich erkennbaren Haltungen zu berichten, sondern dass gerade BBC-Journalisten mit ihren Fragen an Greenwald unrühmliche Berühmtheit in Internet erlangten.

          Die eigentlichen Fragen, die auch diesmal ausgespart werden, sollten sich dagegen an Greenwald und sein neues Journalismus-Projekt „First Look Media“ richten. Denn die „notwendige Neuerfindung des Journalismus“, von der Greenwald sprach, nimmt dort bereits Konturen an, über die Greenwald nicht sprach. Auch über die vergangenen Monate beim „Guardian“, die für die Veröffentlichung der NSA-Dokumente maßgeblich war, verlor Greenwald kein Wort, obwohl diese Zusammenarbeit vergleichsweise ungewöhnlich war und für eine erste historische Aufarbeitung der Spähaffäre interessant wäre.

          Weitere Themen

          „Post von Karlheinz“ als Hörbuch Video-Seite öffnen

          Hörprobe : „Post von Karlheinz“ als Hörbuch

          Die Nachrichten, die die Schauspieler Bjarne Mädel, Cathlen Gawlich und Bernhard Schütz für dieses Hörbuch vorlesen müssen, liegen außerhalb der Vorstellungskraft anständiger Menschen.

          Der Manfred von nebenan

          Europawahlkampf : Der Manfred von nebenan

          EVP-Spitzenkandidat Weber gibt sich im Wahlkampf bodenständig und bürgernah. Aber auch bei einem guten Wahlergebnis kann er sich nicht sicher sein, der nächste Kommissionspräsident zu werden.

          Tarantino stellt neuen Film vor Video-Seite öffnen

          Mit Hollywood-Stars besetzt : Tarantino stellt neuen Film vor

          Kult-Regisseur Quentin Tarantino präsentiert seinen neuen Film "Once Upon a Time in Hollywood" beim Filmfestival in Cannes. In den Hauptrollen sind Brad Pitt, Leonardo DiCaprio und Margot Robbie zu sehen. Im deutschsprachigen Raum läuft der Film ab Mitte August in den Kinos.

          Wende in der Schicksalswahl?

          TV-Kritik: „Anne Will“ : Wende in der Schicksalswahl?

          Die Affäre um die desaströsen Einlassungen der FPÖ-Politiker Strache und Gudenus auf Ibiza hinterlässt auch in Deutschland Spuren, wie sich bei Anne Will zeigt. Nicht zuletzt wegen der Rolle des „Spiegels“ und der „Süddeutschen Zeitung“.

          Topmeldungen

          Faksimile des Ur-Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland von 1949, unterzeichnet vom Konrad Adenauer (CDU), Präsident des Parlamentarischen Rates und seinen Vizepräsidenten Adolph Schönfelder (SPD) und Hermann Schäfer (FDP).

          70 Jahre Grundgesetz : Eine zeitlose Verfassung

          Das Grundgesetz ist zur Bibel der Deutschen geworden. Wer verstehen will, wer wir sind und woran wir glauben, sollte sie lesen. Wer zu uns gehören möchte, muss ihre Gebote befolgen.

          Ibiza-Video : Anwalt soll Drahtzieher der Strache-Falle sein

          Ein selbst ernannter Spionage-Fachmann behauptet im österreichischen Fernsehen, er wisse, wer die Hintermänner des „Ibiza-Videos“ sind. Er habe auf dem Video einen ehemaligen Geschäftspartner aus München erkannt.
          „Sie sollen weiter kaufen“: Rapper John-Lorenz Moser, bekannt unter seinem Künstlernamen Bonez MC, ist Mitglied der 187 Strassenbande aus Hamburg.

          Gewaltvorwürfe gegen Musiker : Der Deutsch-Rap muss umdenken

          Auf die Debatte um #MeToo wollte die Szene nicht hören. Also müssen wir den Künstlern die Grenzen der Gewalt zeigen. Ein Gastbeitrag von einer Rap-Journalistin, die selbst schon körperlich angegangen wurde.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.