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#ChallengeAccepted auf Insta : Sieht gut aus

  • -Aktualisiert am

Vor allem in Amerika ein Hit: #ChallengeAccepted Bild: AP

Geht es bei der neuen viralen Aktion #ChallengeAccepted in den sozialen Medien wirklich um Frauensolidarität? Oder darum, selbst eine gute Figur zu machen?

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          Schluss mit lustig: Die Zeiten, in denen man seine Zugehörigkeit zur global vernetzten In-Group unter Beweis stellte, indem man sich für einen guten Zweck einen Eimer Eiswasser über den Kopf kübelte und Dokumente dieser philanthropischen Gaudi namens „Ice Bucket Challenge“, bei der es um das Sammeln von Spenden für die Erforschung einer Nervenkrankheit ging, online stellte, sind lange vorbei. Wer heute in den sozialen Netzwerken reüssieren will, muss die Zurschaustellung einer gesellschaftspolitischen Haltung kultivieren, und zwar ernsthaft.

          Nun mag man viel Gutes darin sehen, dass sich Prominente wie Unbekannte auf Instagram mit „Black Lives Matter“ solidarisierten, indem sie am „Blackout Tuesday“ eine schwarze Bildkachel posteten statt, sagen wir mal, den üblichen Avocado-Toast des Tages. Man mag auch hübsch finden, dass seit neuestem jede Menge Frauen, unter ihnen professionelle Selbstdarstellerinnen der Extraklasse wie Khloé Kardashian, Eva Longoria und Reese Witherspoon, statt einfach so Selfies nun Selbstporträts in Schwarz-Weiß online publizieren, um unter dem Rubrum „Challenge Accepted“ gegenseitige Unterstützung von Frauen zum Ausdruck zu bringen und „Empowerment“ zu zeigen. Beteuerung von Solidarität ist etwas Schönes. Darauf zu pochen, dass alle Menschen gleich an Würde sind, ist wichtig. Und wenn viele sich verabreden, öffentlich das Gleiche zu tun, schafft das Sichtbarkeit und wenigstens vorübergehend ein Gefühl von Gemeinschaft.

          Publicity, die sich auszahlt

          Mehr als vier Millionen Beiträge auf Instagram zählt „#ChallengeAccepted“ schon, obwohl unklar ist, wer den Hashtag überhaupt in die Welt gesetzt hat. Eine brasilianische Journalistin, wie die „New York Times“ vermutet? Eine Marketingfirma? So oder so, fest steht: Solche Aktionen mögen vielleicht gut gemeint sein, lassen aber vor allen Dingen diejenigen gut aussehen, die mitmachen. Für sie ist das Ganze, zumindest in freiheitlichen Gesellschaften, oft nicht nur wohlfeil, da kostenlos, sondern kann sich als Publicity richtig auszahlen. Eine schwarze Bildkachel, und man hat sich als ostentativer Antirassist auf der Seite der Guten positioniert; einmal sich selbst schwarz-weiß abgelichtet, schon ist das Selfie nicht mehr Ausweis des Narzissmus, sondern ein feministisches Statement. Wer nicht mittut, wird dagegen schnell verdächtig.

          Darüber gerät nur leicht in Vergessenheit, dass das Internet in vielen Weltregionen wirklich ein Ort der Befreiung, der Selbstermächtigung, aber auch der Gefahr ist. In Ägypten ist gerade die sechste Influencerin binnen weniger Tage zu einer Haftstrafe verurteilt worden. Manar Samis Playback-Videos auf Tiktok seien eine „Anstiftung zur Ausschweifung und Unmoral“ und „zum Zwecke der Prostitution“ entstanden, heißt es, deshalb soll sie für drei Jahre hinter Gitter und eine hohe Geldstrafe zahlen. Wie wäre es, wenn die nun entspannt aus ihren schicken Wohnungen in Schwarz-Weiß grüßenden Weltstars sich mit diesen bedrohten ägyptischen Frauen solidarisierten? Oder konkret in anderer Weise tätig würden? Das wäre doch mal mehr als nur digitales Posing.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

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