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Centre Pompidou Metz : Die große Ökobiodigitalchimäre

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Die Architekten Shigeru Ban und Jean de Gastines haben es entworfen: das neue Centre Pompidou in Metz Bild: dpa

Das neue Centre Pompidou in Metz vereint die aktuellen Leitideen und Traumata der westlichen Welt - das „Zurück zur Natur“ des Ökologismus und den Wunderglauben des Computerzeitalters.

          Ankunft Bahnhof Metz. Den Reisenden empfängt ein Zyklopenzwitter aus Völkerschlachtdenkmal und Meistersingerburg. Ehrenhallen, kraftstrotzende Rundpfeiler, dröhnende Tonnengewölbe. Auf einem gigantischen blaurot glimmenden Glasgemälde bebrütet Karl der Große das Schicksal. 1908 wurde der Bau vom Architekten Jürgen Kröger und Kaiser Wilhelm II. hierher gewuchtet, eine Riesenfaust, die jedem einbleuen sollte, dass Metz seit 1871 für immer eine deutsche Stadt sei.

          Dem bombastischen Bahnhofsturm, einem Liebling Wilhelms II., antwortet seit kurzem ein weißes Gestänge, auf dem die französische Flagge weht. Es sticht, zwei Gehminuten vom Bahnhof, aus einem kristallin flirrenden Baldachingebilde. Ein Riesentuch, das ein Alien mit leichter Hand aus dem All hat fallen lassen und das eine Sekunde vor dem Kontakt mit der Erde erstarrte, so schwebt das neue Centre Pompidou-Metz wie ein Gegenbild zur geballten Bahnhofsfaust im Weichbild der Stadt.

          Achttausend Quadratmeter weiße Textilmembran aus Glasfaser und Teflon

          Schon Jahre vor der jetzigen Einweihung des „CP Metz“ (Bauzeit von 2003 bis 2010) kannte alle Welt dieses Dach, dessen Struktur und Form sein japanischer Architekt Shigeru Ban dem geschwungenen Strohhut eines Reisbauern nachempfunden hat. Schon beim ersten Kontakt verblasst diese Assoziation so wie der notorische Origami-Vergleich, den Bans Vorliebe für Karton als Baustoff nahelegt: Achttausend Quadratmeter weiße Textilmembran aus Glasfaser und Teflon, gespannt in 37 Meter Höhe auf einen Metallring, dazu bis zu zwanzig Meter Dachüberstand – man nähert sich, Schritt für Schritt winziger werdend, einem Giganten des 21. Jahrhunderts, einem surreal flirrenden Doppelwesen aus Computersimulation und Hightech.

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          Wären da nicht die titanisch-geschmeidigen hölzernen Träger. Honiggelb schimmernd, in sanften Kurven, Windungen und Verschlingungen Dachwerk und Boden verbindend, lassen sie das CP plötzlich wie ein Prunkzelt wirken, an dem lothringische Bildschnitzer der Spätgotik gemeinsam mit traditionsentbundenen japanischen Tempelbaumeistern gearbeitet zu haben scheinen, um die Elbenpaläste aus Tolkiens „Herr der Ringe“ nachzubauen. Doch technoide weiße Beton-Guckkästen mit riesigen Panoramafenstern, die das Gewoge der Membran in alle Himmelsrichtungen durchstoßen, reißen gleich darauf das Ganze vom Rand des Kitschabgrunds zurück.

          So erringt man eine zentrale symbolische Bedeutung

          Sie sind die Außenposten des mehrfach auskeilenden Zentralbaus, der unter dem Baldachin betont rüde konstruktivistische Metallgestänge, Glasflächen, Rampen und Rolltreppen ausbreitet, die in drei Ebenen einen verglasten Lift umkreisen, dessen stählernes Tragwerk das Dach durchstößt, in eine dreibeinige Konstruktion übergeht und als Mast in siebenundsiebzig Meter Höhe endet – Hightech wie in Schanghai oder London; an einer Stelle zitiert der Bau mit unverkleideten brachialen Klimatisierungsröhren den Mutterbau, Renzo/Pianos legendäre „Kunstmaschine“ in Paris.

          Wer den größten Anteil daran und wer den größten am ökologisch-romantischen Flair hat, ob Shigeru Ban, sein französischer Partner Jean de Gestines oder der anfangs beteiligte Philip Gumuchdjian, ist unerheblich. Den Ausschlag gibt, dass der Neubau die aktuellen Leitideen und Traumata der westlichen Welt, das „Zurück zur Natur“ des Ökologismus und den Wunderglauben des Computerzeitalters verschmilzt. So erringt das CP Metz dieselbe zentrale symbolische Bedeutung, die das Pariser Centre Pompidou 1977 für die Fortschrittseuphorie des späten zwanzigsten Jahrhunderts hatte.

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