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Cem Özdemir redet : Geschillert

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Mit „diebischer Freude“, so Özdemir, spreche er über „unseren Schiller“ - was „die Gaulands“ dieser Welt doch wohl ärgern müsse. Bild: dpa

Cem Özdemir zum Halten der Schiller-Rede einzuladen, das war ein Coup: Der Politiker lief in Marbach zu großer verfassungspatriotischer Form auf.

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          Ausgerechnet ihn und ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt zum Halten der Schiller-Rede einzuladen, das war, man kann es nicht anders sagen, ein Coup. Auf Cem Özdemir als Redner sei sie gekommen, sagte Sandra Richter, als dieser zu Erdogans Deutschlandbesuch 2018 einen Button mit Schillerzitat aus „Don Karlos“ getragen hatte: „Sire, gewähren Sie Gedankenfreiheit“.

          Die Direktorin des Deutschen Literaturarchivs ordnete die Forderung des Marquis von Posa am Sonntagmorgen auf der Schillerhöhe in Marbach historisch ein; Cem Özdemir nutzte sie dann zu einer großen Rede. Der 1965 in Urach als Sohn von Gastarbeitern Geborene, dessen Debattenbeitrag gegen die AfD im Bundestag vom Tübinger Institut für Rhetorik zur „Rede des Jahres 2018“ gekürt worden war und der in diesem Frühjahr den Dolf-Sternberger-Preis erhielt, bot in Marbach nun noch eine Steigerung als rhetorisch begabter Verfassungspatriot in Sternbergers Sinn.

          Gegen die medialen Hassbotschaften

          Das Zwingende seiner Rede lag abermals in der Mischung aus persönlichem Affekt und staatstragender Haltung: Er, dem Schiller weder in die Wiege gelegt war noch auf dem Lehrplan seiner Hauptschule stand, sprach nun über „unseren Schiller“. Mit „diebischer Freude“, so Özdemir, weil der bloße Umstand „die Gaulands“ dieser Welt doch ärgern müsse. Er, der zuletzt Morddrohungen von Fanatikern erhielt, wendet sich als Person des öffentlichen Lebens gegen die medialen Hassbotschaften, die mit Meinungen nicht zu verwechseln seien. Und er, der immer wieder betont, welches Glück es sei, in einer Demokratie zu leben, verteidigt deren tatsächliche Meinungsfreiheit als Politiker mit Haut und Haar.

          Das Pathos, zu dem Özdemir sich in Marbach aufschwang, verankerte er immer wieder bei Schiller. Er beschwor noch einmal dessen berüchtigte Uraufführung der „Räuber“, die dem Verfasser die Verbannung einbrachte, und schlug einen Bogen zur Gegenwart: „In vielen Ländern dieser Welt sind die Schillers immer noch bedroht.“ Die Spannung zwischen Gesetz und Freiheit, von der die „Räuber“ handelten, sei indes in unserer Demokratie nicht mehr gegeben: Heute schaffe das Grundgesetz diese Freiheit. Immer wieder grenzte Özdemir die anderswo auf der Welt eingeschränkte Freiheit von der errungenen der Bundesrepublik ab. In einer Zeit, in der die „Restaurationsthese“ wieder umgeht, mit der die Bundesrepublik von ihrem Beginn an zu einem verkappten Nazi-Staat erklärt wird, oder dieser Gedanke durch die ästhetisierende Rede von der „BRD noir“ sogar noch zu einem intellektuellen Accessoire gemacht werden soll, kann es wahrlich nicht schaden, wenn jemand so nachdrücklich wie Cem Özdemir auf die Errungenschaften dieser Republik aufmerksam macht. Und gleichzeitig eindringlich mahnt, sie zu verteidigen.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

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