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Celan und Jünger : "In Dankbarkeit und Verehrung"

  • -Aktualisiert am

Durchbruch mit „Mohn und Gedächtnis”: Paul Celan Bild: picture-alliance / dpa

Bislang wurde angenommen, Paul Celan habe ein distanziertes Verhältnis zu Ernst Jünger gehabt. Ein jetzt in Marbach entdeckter Brief jedoch zeigt, daß sich Jünger in einem entscheidenden Moment für Celan verwendete.

          Schon die Verbindung Paul Celans zu Martin Heidegger hat manchen irritiert, der sich so einfacher wie naheliegender Schubladen bedient. Die Hoffnung Celans auf ein "kommendes Wort im Herzen" Heideggers wurde oft verstanden als das Verlangen nach einer abermaligen "Distanzierung" vom Nationalsozialismus, wie sie etwa Herbert Marcuse unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg von ihm gefordert hatte, oder gar nach einer "Entschuldigung".

          Ein anderer Autor, der im allgemein vermuteten literarischen Kosmos Celans eher nicht verortet werden würde, ist Ernst Jünger. Obgleich sich Jünger zu Zeiten des Dritten Reiches untadelig verhalten hatte, haftete ihm doch der Ruch eines geistigen "Wegbereiters" an. So zieht sich bis heute das Gerücht durch Publizistik und Sekundärliteratur, daß Celan mit Jünger "Probleme" gehabt habe, "dessen Verhalten im Krieg er mißbilligte", wie beispielsweise John Felstiner in seiner Celan-Biographie mutmaßt. Dies ist im Zusammenhang mit Anthologien geäußert worden, an denen Celan keinen Anteil haben wollte, aber auch mit Verweis auf Rudolf Alexander Schröder, dem Initiator der Verleihung des Bremer Literaturpreises (sowohl an Jünger als auch an Celan, wobei Schröder - angeblich - letzterer widerstrebt habe). Auch die akribische Celan-Editorin Barbara Wiedemann reiht Jünger ein in die Liste der ihm unangenehmen Autoren, mit denen er keinesfalls gemeinsam in Sammelbänden gedruckt sich sehen wollte.

          Auf der Suche nach einem Verleger

          Daß Ernst Jünger in einem entscheidenden Moment für Celan sich verwendete, ist bislang gänzlich unbekannt. Die Dokumente hierzu schlummern in Jüngers Nachlaß im Deutschen Literaturarchiv in Marbach.

          Paul Celan war seit 1948 auf der Suche nach einem Verleger seiner Gedichte. Die in Wien im September 1948 erschienene Ausgabe "Der Sand aus den Urnen" hatte er telegraphisch einstampfen lassen, zu viele sinnentstellende Druckfehler waren darin und die Lithographien, weder Druckfahnen noch Illustrationen hatten Celan vor der Publikation vorgelegen, waren ihm "Beweise äußerster Geschmacklosigkeit". Celan vermehrte das Typoskript und verschickte es in den folgenden Jahren an mehrere Verleger. Zunächst ohne Erfolg.

          „Erst eine spätere Zeit wird ihn entdecken“

          Doch Hilfe kommt aus Wilflingen. Am 18. Mai 1951 schreibt Celans damals vierundzwanzigjähriger Freund Klaus Demus einen Brief an Ernst Jünger, in dem er ihm den "dringenden Fall" seines Freundes Celan darlegt. Er bittet Jünger, Celan bei einem seiner Paris-Besuche zu empfangen und seine Gedichte zu hören beziehungsweise seine Gedichte entgegenzunehmen. Und ihm vor allem zu einer Publikation seiner Gedichte zu verhelfen, die ihm, Celan, eine Lebensnotwendigkeit sei: "Ich bin in der Lage dessen", schreibt Demus seiner selbst und seines Freundes gewiß, "der - in einem Nebensatz darf ich es sagen - einen Hölderlin kennt und weiß, daß ihn, wenn überhaupt, erst eine viel spätere Zeit entdecken wird: wenn nicht ein Rettendes geschieht." - Heute liest sich Demus' Einschätzung von Celans dichterischem Rang geradezu selbstverständlich, für die damalige Zeit freilich ist die Verortung Celans erstaunlich.

          Kurz darauf, am 11. Juni 1951, schreibt nun auch Celan selbst an Jünger. Er unterzeichnet seinen Brief "in Dankbarkeit und Verehrung". Darin nimmt Celan auf das Schreiben von Demus Bezug und bittet ihn nun persönlich um Unterstützung bei der Publikation des wohl beigefügten (im Nachlaß nicht enthaltenen) Manuskripts.

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