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Cebit im Datenrausch : Niemand hat heute mehr eine Stunde Zeit

Die Hochtechnologie schaut dich an: Gebückter Arbeiter auf der Cebit vor Riesenaugen-Kulisse Bild: dpa

Wer immer noch glaubt, dass Big Data nur Vorteile hat, sollte auf die Cebit gehen und genau zuhören. Nur ein strenger Datenschutz kann den totalen Verlust der Kontrolle noch aufhalten.

          Wer sind die Unternehmenschefs von morgen? Steven Tilston, Geschäftsführer vom Internetreisedienst Expedia, lässt daran keinen Zweifel: Es werden Datenanalysten sein. Schon jetzt hätten die meisten Mitglieder der Chefetage einen entsprechenden biographischen Hintergrund,. Schon jetzt gäben alle Unternehmen das meiste Geld für die Auswertung von Daten aus und suchten händeringend nach Fachkräften, die ihnen erklären könnten, was sich mit den bisher gesammelten Datenmassen alles anstellen – sprich: verkaufen lässt.

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik.

          Die Diskussion um „Big Data“, die Analysten bei der diesjährigen CeBIT führten, geriet zu einer Feier ihres Berufsstandes. Was ihre Vorhersagen für den einfachen Bürger bedeuten, wurde dabei hinlänglich deutlich: Vor der Diskussion hatte ein IBM-Mitarbeiter ein fiktives Video gezeigt, in dem ein Mitarbeiter der Stadtwerke sich von einer Computerintelligenz die Gefahren eines kommenden Sturms für das Stromnetz zeigen lässt. Fast alle wichtigen Aufgaben werden an den Rechner delegiert: Er entwickelt Stromausfallszenarien für die betroffene Region, berechnet Kosten und weist auf mögliche Einsparungen hin. Das Video gipfelt der Aussage des Mitarbeiters, er habe leider vergessen, was beim letzten Stromausfall schief gelaufen sei. „Kannst Du mir kurz eine Auflistung aller Zeitungsartikel zum Thema geben?“

          Die Ohnmacht vor der Maschine

          Die Auslagerung von Daten in die Cloud sei viel mehr als eine Sparmaßnahme für Infrastruktur, erklärte der IBM-Mitarbeiter anschließend. Wenn man wisse, wie schwer es für Ärzte sei, alle medizinischen Fachartikel zu lesen, die sie interessierten, könne man erahnen, wie wichtig Computer seien, die sie nicht nur sammelten, sondern auch statistisch auswerteten. Die Ähnlichkeit, die die animierte Computerstimme im Video mit dem Auge von HAL aus „Odyssee im Weltraum“ aufwies, erinnerte dabei an einen Unterschied: Denn die qualitativen Schlüsse, die aus Datenmassen gewonnen werden, stellen nicht etwa eine Entmündigung des Bürgers durch eine intelligente Maschine dar: Sie sind vielmehr eine partielle Selbstentmündigung angesichts der Maschine.

          Demnach sind die einzigen, die in diesem Gesellschaftsmodell keine Kontrolle an den Computer abgeben, ihre Programmierer. Datenwissenschaftler, das machte der indische Analyst Ramaswamy im Gespräch deutlich, seien die Könige von morgen: Nur sie verstünden die Algorhithmen, mit denen sich die Gesellschaft programmiert. Wichtige Versicherungsfragen seien noch völlig ungeklärt. Wer haftet, wenn die automatisierten Vorhersagen nicht eintreffen oder zu Katastrophen führen, etwa zum Absturz eines Flugzeugs? Schon jetzt kann man die Datenanalysten der Internetgiganten kaum für ihre Arbeit haftbar machen.

          Die Maximierung des persönlichen Gewinns

          Das aber scheint nicht das geringste Problem von „Big-Data“ zu sein: Der Begriff mag zunächst nur eine vollständige Zusammenführung aller verfügbaren Informationen in einer Schnittstelle meinen, sei es ein Computerinface, ein Smartphone oder ein implantierter Chip. Diese Vernetzung aber ist zugleich eine Entkonkretisierung: Bücher und Regale, Taschenrechner, Uhren und Karten verschwinden aus unseren Häusern, weil wir auf dem Smartphone lesen, rechnen und uns takten. Alles wird vergemeinschaftet und geteilt, unser Auto über Car-Sharing, Nachrichten bei Twitter und unsere Emotionen in sozialen Netzwerken, das Ziel aber ist die Maximierung des persönlichen Gewinns: Wir teilen Nachrichten, um unsere Relevanz zu erhöhen, Emotionen, um Freundschaften zu pflegen, und unsere Autos, um Sprit und Steuern zu sparen. Weil alles sofort verfügbar wird, aber nicht mehr greifbar ist, droht der Kontrollverlust.

          Gestern sprach der Analyst Ted Schadler vom „mobile-mindshift“, dem mobilen Sinneswandel. Der Siegeszug des Smartphones habe dazu geführt, dass der Mensch eine sofortige Bedürfnisbefriedigung erwarte. Hierauf sollten sich die Unternehmen von „Big Data“ einstellen. „Wann kann ich meinen Kunden etwas verkaufen, wann sind sie bereit, das Smartphone aus der Tasche zu holen?“ Man müsse wissen, wie viel Zeit der Konsument habe, ob es fünf Sekunden, zwanzig Sekunden oder eine Stunde seien – „niemand hat heutzutage eine Stunde Zeit“ – und wichtiger noch, wie er sich fühle. Auf dem Bildschirm erschien eine Auflistung verschiedener Emoticons: „Ist er traurig? Ist er glücklich? Ist er vielleicht verzweifelt und deshalb gewillt, auf ihren Service zurückzugreifen?“ Um eine möglichst genaue Vorhersage zu gewährleisten, sollte man so viele Informationen sammeln wie möglich.

          Bislang sei die Gefahr eines Datenmissbrauchs eher gering, erklärte Tilston am Mittwoch in der Debatte, denn Emotionen seien unberechenbar. Selbst wenn Expadia wisse, dass ein Kunde bei Facebook plane, demnächst nach Kanada zu reisen, müsse das Angebot eines günstigen Atlantikflugs nicht unbedingt von Erfolg gekrönt sein. Tags erschien bei „singularityhub“ ein Artikel, der illustriert, wie Unternehmen Bilder in sozialen Netzwerk biometrisch auswerten, die Personen mit ihren Produkten zeigen. Es gehe darum, ihre Emotionen zu verstehen.

          Ob mit einer Regulierung der Datenauswertung zu rechnen sei, fragte Goff am Ende der Diskussion noch, wohl auch angesichts der Abstimmung im Europaparlament am Mittwoch. Man brauche sich doch nur anzuschauen, was die Regierungen in den letzten fünfzehn Jahren in dieser Hinsicht auf die Beine gestellt hätten, erklärte der Analyst Frank Pörschmann nüchtern. Ob die Cloud dann nicht eigentlich ein Minenfeld sei? „Sicher“, sagte Pörschmann, „aber welche Alternativen haben wir?“

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