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CDU nach Merkel : Die Union auf der schwierigen Suche nach ihrem Markenkern

Konservativ, an der Spitze des Fortschritts: Der Münchner Architekt Sep Ruf baute im Auftrag Ludwig Erhards den Kanzlerbungalow in Bonn. Bild: mauritius images

Konservatismus soll die Partei zu alter Stärke führen, doch auf dieses Etikett erheben neuerdings auch die AfD und die Grünen einen Anspruch. Die Wahl einer oder eines neuen Vorsitzenden ist auch die Suche nach der richtigen Ideologie.

          7 Min.

          Irgendetwas – vielleicht sogar alles – stimmt nicht bei der angekündigten konservativen Renaissance, bei der eigenartigen Euphorie, die die CDU nach der Rücktrittserklärung ihrer Vorsitzenden erfasst hat. Von einem Neustart ist allseits die Rede, der in der Wiederherstellung von etwas früher offenbar Vorhandenem bestehen soll, eines „Konservatismus“, der wechselweise als modern, aufgeklärt, klug oder liberal bezeichnet wird. So viel frohe Zukunftserwartung hat das Etikett schon lange nicht mehr auf sich gezogen, vielleicht noch nie.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Voraussetzung der neuen Aufgekratztheit ist die Annahme, es sei Merkel gewesen, die der Partei diesen sogenannten Markenkern vorenthalten habe, und dass ihre Nachfolgekandidaten jetzt in der Lage seien, ihn einfach wieder zu restaurieren. „Konservatismus“ ist das, was die Union wieder zu alter Stärke finden lassen solle, indem sie nämlich der AfD und den Grünen, die sich, wenn auch aus sehr unterschiedlichen Gründen, den gleichen Titel anhängen, die an sie verlorenen Wähler wieder abluchse. Nötig sei dafür nur, den wahren, den CDU-gemäßen Konservatismus zu identifizieren, mit dem die Partei sich eindeutig von den Rechten und den Linksliberalen abgrenzen könne und zugleich die in der Bevölkerung herrschende Stimmung treffe. Die Konkurrenz der Spitzenkandidaten für den Parteivorsitz wird so zu einer Suche nach der richtigen Ideologie, wie man sie im Zeichen des angeblich überwundenen Links-rechts-Schemas noch vor kurzem für obsolet gehalten hätte.

          Doch da stimmt etwas nicht. Einiges sogar. Allein schon die Einschätzung von Angela Merkels Regierungszeit geht in die Irre. Merkel ist ja eigentlich der Inbegriff der konservativen Methode, wie sie seit dem vielzitierten Ahnherrn Edmund Burke immer wieder beschrieben wurde: unideologisch, pragmatisch, Empirie-geleitet, vorsichtig, austarierend und aushandelnd, auf der Grundlage allein von Ideen, die allgemein für wahr gehalten werden. Das Paradoxe ist allerdings, dass sie mit ebendieser urkonservativen Vorgehensweise selber zur Antriebskraft von Veränderungen wurde, wie sie der Konservatismus für gewöhnlich aufzuhalten versucht. Könnte es sein, dass dies keine zufällige, an Merkels Person gebundene Widersprüchlichkeit ist, sondern eine Eigenart des Konservatismus selbst, der auch seine vorgeblichen Wiederhersteller nicht entgehen können?

          Der konservative Selbstwiderspruch

          Kürzlich stellte im Berliner Admiralspalast der Politikwissenschaftler Thomas Biebricher im Gespräch mit dem Autor Guillaume Paoli die These seines Buchs „Geistig-moralische Wende“ vor (wird im Dezember bei Matthes & Seitz erscheinen), das in genau diese Richtung geht: Der Konservatismus sei unter allen politischen Strömungen wohl die mit den „meisten inhärenten Paradoxien“. Seine Tragik sei, dass er letztlich nicht um das Bestehende, sondern um das Vergehende kämpfe; er setze sich immer erst dann für den Status quo ein, wenn der Wandel der Zeiten diesen gerade im Begriff sei zu beseitigen. Dadurch sei diese Ideologie „zum ewigen Scheitern“ verurteilt.

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