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CD-Kritik: Neues von „Doctorella“ : Hab’ dich gesucht, Kung-Fu, plötzlich war alles gut

  • -Aktualisiert am

Ulkige Sprachmedizin: Die Band „Doctorella“ mischt lebenslustige Pragmatik mit verrückten Kalauern Bild: Verlag

Deutscher Disco-Punk mit dadaistischem Einschlag: Die Band Doctorella ist ein reiner Glücksfall. Diese zwei Frauen hauen ins Ohr und ins Auge.

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          Sie könnte wohl Bettina heißen, mit Riesenohrringen und Sprühsträhne, die Sängerin einer Schülerband in den frühen achtziger Jahren, ein bisschen schief dabei und der Gesang leicht übersteuert; doch diese Impression ist nur eine Facette der Chamäleon-Dame am Mikrofon: Wenige Takte später klingt sie bereits wie Deborah Harry, kühle Frontfrau von Blondie, lässig über dem Discobeat, im nächsten Lied lamentierend und weltentrückt wie Nico vom samtenen Untergrund.

          Jan Wiele
          Redakteur im Feuilleton.

          Aber wer singt da nun eigentlich? Kerstin Grether, Journalistin und Autorin des Romans „Zuckerbabys“, ist ihrer Zwillingsschwester Sandra stimmlich wie visuell sehr ähnlich. Zusammen bilden sie die Doppelspitze der Band „Doctorella“ - und diese Bräute hauen ins Ohr und ins Auge wie lange keine deutsche Popgruppe mehr. Anders, als man es von den für die Sache der Frau schon länger engagierten Schwestern vielleicht erwartet hätte, geht es auf dem gemeinsamen Debütalbum jedoch nicht um feministisches, sondern um lyrisches Empowerment.

          Mit männlicher Unterstützung

          Der Bandname und der Albumtitel „Drogen und Psychologen“ verheißen bereits, dass dem Hörer hier eine ulkige Sprachmedizin eingeflößt wird. Sie erweist sich als Mischung aus lebenskluger Pragmatik, romantischen Erlösungsversprechen und dadaistisch anmutenden Kalauern: „Weine nicht in der Bar / Die Vögel werden wieder singen“, verspricht das erste Lied noch relativ bodenständig, während ein anderes sich schon höher hinausträumt: „Lass uns Märchenwesen sein / Uns befrei’n mit einem Kuss / Und versprich mir, dass ich keine hundert Jahre warten muss“. Und dann sind da eben plötzlich Zeilen wie diese: „Hab’ dich gesucht, Kung-Fu / Plötzlich war alles gut / Bin dein Tabu, dein roter Schuh in dieser Stadt“.

          Dass diese Band ein solcher Glücksfall ist, hat sie allerdings auch tatkräftiger männlicher Unterstützung zu verdanken: Mesut Molnar am Schlagzeug und Jakob Groothoff am Bass sorgen für ein immer dicht gestricktes Rhythmusnetz bei zwölf überaus eingängigen Stücken, an denen auch Jens Friebe mitkomponiert hat. Wie die Lieder aus ihren verrückten Strophen und durchaus sperrigen Punk-Phrasen jeweils in einen perfekten Pop-Refrain mit treibendem Discobeat finden, ist bewundernswert: ein Album wie aus einem Guss, dessen spielerische Leichtigkeit souverän darüber hinwegtäuscht, wie schlau und aufwendig das alles arrangiert ist.

          Von vielen kleinen Verweiszeichen

          Dieser Erfolg beruht wohl auch auf einer geschickten vertrauensbildenden Maßnahme: nämlich einigen wohlgesetzten Anklängen an verschiedene Gruppen der neuen deutschen Welle, die jedoch nie zu weit gehen: So bewegt man sich traumwandlerisch sicher zwischen der Görenfrechheit von Ideal und der tanzbaren Verliebtheit von Nena, die auch in diversen Keyboardmelodien durchschimmert, aber immer rechtzeitig von einem fiesen Gitarrenriff oder einer dunklen Textstelle gebrochen wird, bevor es zu zuckrig wird.

          Dazwischen leuchten noch viele weitere kleine Verweiszeichen auf, die mal aus dem Volkslied kommen wie die klappernde Mühle am rauschenden Bach, mal an Fassbinder-Filme erinnern: „Ja, wir waren uns nah / Die Köpfe voller Schrot / Und Liebe ist fürwahr / Immer wie Abschied und noch kälter als der Tod.“ Den humoristischen Überdreh gibt dem Ganzen dann der gelegentliche Wechsel in ein radebrechendes Englisch, das sogar noch Sven Regeners groteske Versuche in dieser Sprache bei seiner Band Element of Crime karikierend in den Schatten stellt: „Only you / Are like a blackened stain / Ink-spot on my heart / I cannot lose your name, things fall apart“!

          Irgendwo hinter dem Regenbogen

          Und dann schafft diese verdammt gute Platte es auch noch, einen mit den letzten beiden Stücken in tiefe Melancholie zu stürzen. „Hast du denn wirklich nicht kapiert, dass wir uns nie wiedersehn?“, wird da ein Gegenüber adressiert, das bereits als todesschwarzer Schmetterling erscheint. Darauf folgt eine Nummer, deren Titel man gleich anhört, dass sie in der Königsdisziplin der herzbrecherischen Rausschmeißer ganz oben mitspielen will: „Träum’ den übernächsten Traum“ - nicht nur der aktuelle, sondern auch der nächste werden also nicht in Erfüllung gehen.

          Die Musik dazu wird ganz langsam, sie wirkt wie das Ausschwingen nach einem Schleudergang und ist nach Selbstaussage der Band - wen wundert es noch - an ein Velvet-Underground-Stück angelehnt, „All Tomorrow’s Parties“. „Sei drüben hinterm Zaun / Im übernächsten Traum“, säuselt es wieder fatalistisch nicoesk - da ist man schon längst irgendwo hinterm Regenbogen in dieser weiten, traurigschönen Märchenwelt.

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