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Kurzgeschichte „Cat Person“ : Bloß nicht weh tun

Schlimmes Date, schlimmer Typ, schlimmer Höflichkeitssex. Frauen kennen das. Bild: Picture-Alliance

Aus der Grauzone der #metoo-Debatte: Eine Kurzgeschichte im Magazin „The New Yorker“ ist der unerwartete Viralhit des Jahres. Was macht die Erzählung so aktuell?

          Bis vor wenigen Tagen kannte niemand den Namen Kristen Roupenian. Sie ist 36 Jahre alt, hatte bislang um die zweihundert Follower auf Twitter, lehrte nach ihrem Abschluss an der Universität Harvard Literatur und Postcolonial Studies, spricht fließend Kiswahili und scheint noch nichts Größeres veröffentlicht zu haben. Derzeit arbeitet sie mit einem Stipendium der Universität Michigan an einer Kurzgeschichtensammlung.

          Jetzt kennt nahezu jeder, der in der letzten Woche einmal ins Internet geschaut hat, den Namen Kristen Roupenian. Ihre Kurzgeschichte „Cat Person“ wurde am 11. Dezember auf der Website des Magazins „New Yorker“ publiziert und tausendfach in den sozialen Medien geteilt. Es ist die Geschichte eines missglückten Dates zwischen der Studentin Margot, 20, und Robert, 34. Sie treffen sich im Kino, es ist nett, man tauscht Telefonnummern aus. Es folgt eine Phase, in der sie sich während der Semesterferien nur Textnachrichten schreiben, dann folgt ein Date, das den Erwartungen nicht standhalten kann. Es kommt dennoch zu einer sexuellen Begegnung in Roberts Haus, die für Margot ziemlich unbefriedigend verläuft. Sie traut sich nicht, Robert zu sagen, dass sie keinen weiteren Kontakt wünscht, schließlich tut das eine Freundin für sie. Robert gibt zunächst nicht auf und beschimpft sie am Ende.

          Netter Holzfällertyp mit Katzen

          Das alles ist recht schlicht aus der Perspektive eines neutralen Erzählers, jedoch nah an Margot entlang erzählt. Wahrscheinlich trägt gerade der einfache Stil, der sich wie ein authentischer Bericht liest, zum großen Erfolg von „Cat Person“ bei. Inhaltlich aber hat es die Geschichte in sich, denn es geht alles schief, was in moderner, digitaler Kommunikation schiefgehen kann, bislang aber nur selten ein Thema erzählender Literatur ist. Auch für Kristen Roupenian war das eine Herausforderung, sagt sie später in einem Interview dem „New Yorker“: „Textnachrichten sind schwer in eine Geschichte zu integrieren, denn es ist nicht leicht, um jemanden eine Szene aufzubauen, der alleine herumsitzt und auf ein Telefon starrt.“ Deshalb werden die Nachrichten, die Margot von Robert bekommt, gemeinschaftlich diskutiert.

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          Wer jemanden nur über Textnachrichten kennenlernt, neigt dazu, Wünsche und Befürchtungen auf sein Gegenüber zu projizieren. Es fehlen Signale wie der Klang der Stimme, Mimik, Körpersprache. Stattdessen klebt man sich Etiketten an wie „Ich bin ein Katzenmensch“, das nämlich sagt Robert über sich, seine Katzen tauchen jedoch nicht einmal in der Geschichte leibhaftig auf. Ein Katzenmensch zu sein oder Sternzeichen Fische oder jemand, der gerne kocht – solche Labels kommen mit einem ganzen Bündel an verknüpften Eigenschaften daher, die nichts über den Charakter einer Person aussagen, das Gegenüber jedoch in der Annahme lassen, man wisse nun etwas über einander. Nach genau diesem Prinzip funktioniert auch die Welt des Online-Datings. Der Rest sind magere Textnachrichten mit großem Interpretationsspielraum.

          Margot macht den Fehler, Etiketten auf den Leim zu gehen und zu viel zu interpretieren. Und sie macht den Fehler, ihre Vorstellungen nicht rechtzeitig und nicht gnadenlos genug mit der Person abzugleichen, die dann vor ihr steht. Deshalb lässt sie sich auf die Fiktion „netter breiter Holzfällertyp mit Katzen“ ein – das klingt erst einmal gut – und bekommt am Ende nur schlechten Sex mit einem Menschen, der sich als Idiot herausstellt und womöglich nicht einmal Katzen hat. Aber auch Robert lässt sich von Äußerlichkeiten verunsichern. Weil Margot in einem Kino jobbt, quält er sich mit ihr beim ersten Date durch ein völlig unpassendes Holocaustdrama, um ihr zu imponieren.

          Aus der Grauzone der #metoo-Debatte

          Die andere, viel schmerzhaftere Dimension ist jedoch die Sache mit dem Sex, die man wirklich nicht gerne liest, denn Roupenian weiß genau, wo es weh tut. Warum geht Margot mit zu Robert nach Hause, warum zieht sie sich auf seinem Bett aus, obwohl sie Robert nicht begehrt? Viele Frauen kennen diese Situation, dass es von einem gewissen Moment an einfacher erscheint, das jetzt irgendwie schnell durchzuziehen, als zu erklären, dass man eigentlich lieber heimgehen möchte. Weil man nicht gerne die komplizierte Zicke ist und weil niemand komplizierte Zicken mag, das lernen Mädchen von klein auf, und sie nicken dann eben und ziehen sich aus und machen mit, und es ist natürlich fürchterlich. Dann grinsen sie gequält, verabschieden sich und lassen nichts mehr von sich hören, weil sie nicht die komplizierte Zicke sein wollen, aber auch nichts Nettes zu sagen haben.

          „Cat Person“ ist eine Geschichte mitten aus der Grauzone der #metoo-Debatte, die zeigt, wie Kommunikation – auch Sex ist Kommunikation – zwischen den Geschlechtern im 21. Jahrhundert an die Wand fahren kann, wenn die Köpfe hinter den Geräten noch dieselben sind wie in vordigitalen Zeiten. Und die Werte in den Köpfen aus einer Zeit stammen, in der die Frauen den Männern nicht zu sehr zur Last fallen oder gar ihre Gefühle verletzen wollen und sich stattdessen selbst weh tun. Keine Kurzgeschichte des „New Yorkers“ wurde in diesem Jahr häufiger gelesen als diese.

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