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Neuer Fortsetzungscomic: „Der Traum von Olympia“ : Die Liebe zum Sport kostet sie das Leben

Bild: Reinhard Kleist

Reinhard Kleists Comic „Der Traum von Olympia“ erzählt die dramatische Geschichte der somalischen Leichtathletin Samia. Von heute an läuft er in Fortsetzung auf FAZ.NET.

          Deutschland ist Weltmeistertitel gewohnt, für Länder wie Somalia ist das anders. Bis 1987 gab es keinen einzigen solchen Sporttitel für das afrikanische Land, dann lief Abdi Bile bei den Weltmeisterschaften in Rom über 1500 Metern allen Konkurrenten davon. Das waren seine drei Minuten und sechsunddreißig Sekunden Ruhm – bis zum 19. August 2012, genau eine Woche nach der Schlussfeier der Olympischen Spiele von London, als der ehemalige Weltmeister noch einmal Aufmerksamkeit rund um den Globus erregte: Er gab bekannt, dass die somalische Leichtathletin Samia Yusuf Omar bei der Überfahrt auf einem illegalen Immigrantenboot im Mittelmeer gestorben war. Sie hatte in London ohne Unterstützung ihres Heimatlands teilnehmen wollen und deshalb im Juli versucht, von Libyen nach Italien überzusetzen. Als sie starb, war sie einundzwanzig Jahre alt.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Ein Schicksal wie das von so vielen afrikanischen Flüchtlingen in den vergangenen Jahren. Doch in das von Samia mischte sich der Traum von Olympia. Vier Jahre zuvor war sie für Somalia in Peking angetreten, beim Zweihundertmeterlauf, und sie war mit weitem Abstand Letzte geworden, aber mit persönlicher Bestzeit von etwas mehr als 32 Sekunden, und das Publikum hatte sie dafür gefeiert. Fortan glaubte sie an die befreiende Wirkung des Sports, doch in ihrer muslimischen Heimat ließ man sie als Frau nicht trainieren. Deshalb setzte sie sich 2011 ins liberalere Nachbarland Äthiopien ab. Von dort brach sie über Sudan nach Libyen auf, wo sie aus unbekannten Gründen inhaftiert wurde, aber irgendwann wieder freikam. Was man über ihre Karriere, Pläne, Wege weiß, das stammt aus den Facebook-Einträgen, die Samia tätigte. Bei ihrem Tod wiederum gab es Augenzeugen.

          Ein brisanter Stoff

          Im darauf folgenden Oktober reiste der Berliner Comiczeichner Reinhard Kleist auf Einladung des Goethe-Instituts nach Sizilien. „Comic Transfer“ heißt das Programm, das deutsche Künstler in alle Welt und deren Kollegen aus aller Welt nach Deutschland bringt. In Sizilien recherchierte Kleist zu den hier anlandenden Flüchtlingsbooten aus Nordafrika, und so stieß er auf die Geschichte von Samia. Kurz zuvor hatte er den Deutschen Jugendliteraturpreis für seinen Comic „Der Boxer“ gewonnen, der auf den Erinnerungen Alan Scott Hafts an seinen Vater Hertzko beruhte, einen polnischen Juden, der in den Vernichtungslagern zum Boxen gezwungen wurde, aber so überlebt hatte. Kleists Geschichte war zuerst im Feuilleton der F.A.Z. als Fortsetzungscomic veröffentlicht worden, daraus wurde dann eine der auch international meistbeachteten deutschen Bildergeschichten. Und nun hatte der Zeichner einen neuen brisanten Stoff gefunden.

          Auch über Samia Yusuf Omar gibt es Bücher, ein italienischer Journalist hat ihrer Lebensgeschichte nachgeforscht, doch Kleist machte sich selbst auf die Suche. In Helsinki traf er Samias jüngere Schwester Hodan, die es nach Europa geschafft hat. Vor ihr erfuhr er nicht nur zusätzliche Einzelheiten über das frühere Leben der Sportlerin in Somalia, sondern auch die Ermutigung, daraus einen Comic zu machen. „Der Traum von Olympia“ heißt er, und von heute an wird er in der F.A.Z. abgedruckt und auf FAZ.NET veröffentlicht.

          Alle Gegenwartskonflikte in einem Comic

          Es ist ein dokumentarischer Comic mit gewissen fiktionalen Elementen. Nicht alles auf Samias kurzem Lebensweg ließ sich rekonstruieren, auch wenn ihre Facebook-Einträge hilfreich waren. Deshalb sind sie auch ein wichtiger Bestandteil in „Der Traum von Olympia“, sie rhythmisieren zusammen mit anderen Medien wie dem Fernsehen das Geschehen, doch die von Kleist zitierten Einträge sind zum Teil eigene Schöpfungen, die wichtige dramaturgische Funktionen erfüllen. Für Kleist ist Samias Leben und Tod exemplarisch: „Das Flüchtlingsproblem holt uns ein, auch mitten in Europa“, sagt er und verweist auf die Besetzung des Berliner Fernsehturms durch Asylbewerber in der vergangenen Woche.

          Doch „Der Traum von Olympia“ predigt nicht, er erzählt eine mitreißende Geschichte, deren Spannung nicht dadurch beeinträchtigt wird, dass man das böse Ende kennt. In diesem Schicksal und Samias Willen zum Ausbruch zeigen sich nebenbei all die Konflikte unserer Gegenwart: zwischen Reich und Arm, Religion und Privatleben, Männern und Frauen, Leistungssport und wahrem Sport.

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