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Neuer F.A.Z.-Fortsetzungscomic : Von der Geschichte gezeichnet

Bild: Katja Klengel

„Als ich so alt war“: In unserem neuen Fortsetzungscomic misst Katja Klengel die Erfahrungen und Ideale ihrer Generation an denen ihrer Großeltern.

          Es mag wie geplant aussehen, dass wir just am 8. Mai, am Jahrestag des Kriegsendes von 1945, den neuen Comic im Feuilleton der F.A.Z. beginnen lassen. Denn in ihm führt uns die Zeichnerin Katja Klengel nach Dresden, die Stadt, in der sie auch selbst wohnt, und sie erzählt von der alten Frau Kintzmann, die dort den Krieg miterlebt hat. Und ja, es ist tatsächlich ein wenig geplant, dass „Als ich so alt war“ gerade an diesem Tag beginnt.

          Der grafische Einfluss der Manga ist in ihrem neuen Werk nur noch gelegentlich spürbar: Katja Klengel
          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Als „Don Quijote“ von Flix dem Ende zulief, konnte dieses symbolträchtige Datum mit ein paar kleinen Tricks zielgenau angesteuert werden.

          Unterschiedliche Blickwinkel

          Doch unser neuer Comic „Als ich so alt war“ beginnt nicht 1945, sondern im Jahr 2000, und er wechselt dann schnell in die unmittelbare Gegenwart, an einen Dresdner Silvestertag, der für die junge Musikerin Lilli einen großen Auftritt mit ihrer Band verspricht. Lilli ist die Enkelin der alten Frau Kintzmann, und das Verhältnis beider ist sowohl liebevoll als auch von gegenseitigem Unverständnis füreinander geprägt.

          Was Frau Kintzmann in ihrem Leben alles gesehen hat, prägt auch ihren heutigen Blick auf die Welt, und Lilli wiederum betrachtet alles aus der engagierten Position einer jungen Frau, die sehr genau zu wissen glaubt, was in der Welt vor sich geht. Beides ist schwer vereinbar, und davon berichtet der Comic vor allem. Der Titel „Als ich so alt war“ muss also auf dem „ich“ betont werden: wie ein Stoßseufzer der alten Dame, deren junge Jahre so lange zurückliegen.

          Manga und Musik

          Katja Klengel weiß, was sie erzählt. Es ist die autobiographisch grundierte Geschichte ihrer eigenen Beziehung zur Großmutter, die sich die 1988 in Jena geborene Comiczeichnerin als Thema für ihre erste große Geschichte ausgesucht hat. Noch bevor sie ihr Kunststudium in Dresden aufnahm, veröffentlichte sie aber schon eigene kürzere Comics, die stilistisch von der Manga-Szene geprägt sind, in der Katja Klengel aufgewachsen ist – ein typischer Werdegang für ihre Generation von Comiczeichnerinnen. Es war der Boom japanischer Comics, der Manga, in Deutschland, der vom Ende der neunziger Jahre an überhaupt erst junge Frauen – so auch die damals elfjährige Katja Klengel – für Comiclektüre und dann eben auch das eigene Zeichnen begeistert hat.

          Aus Japan kamen Identifikationsangebote durch weibliche Figuren und Erzählstoffe, die zuvor weder der europäische noch der amerikanische Comic mit ihren meist auf männliche Helden und Abenteuer kaprizierten Geschichten hervorgebracht hatten.
          Im „Subway to Sally Storybook“, einem Sammelband, der Liedtexte der deutschen Rockgruppe Subway to Sally in Comics umsetzte, hatte Katja Klengel 2008 ihren ersten größeren Auftritt. Da bestand aber auch schon ihr eigenes Blog, in dem sie unter dem Pseudonym Leaf van Genova ein Comictagebuch namens „Blattonisch“ führte, das sich mittlerweile zu einer eigenen Website entwickelt hat, auf der die Zeichnerin kurze Alltagsbegebenheiten in Schwarzweiß festhält. Ein Sammelband mit den besten Folgen aus „Blattonisch“ ist in diesem Frühjahr ebenso erschienen wie die Fortsetzung des „Subway to Sally Storybooks“, in der Katja Klengel auch wieder vertreten ist.

          Doch mit „Als ich so alt war“ wagt sie jetzt den Schritt in eine andere Erzählform – zwar immer noch autobiographisch beeinflusst, aber schon der Wechsel der zentralen jungen Frauenfigur von der Comiczeichnerin zur Musikerin sorgt für den nötigen Abstand zu einer Eins-zu-Eins-Abbildung des eigenen Lebens. Mit dieser Darstellungsweise reiht Katja Klengel sich in die überall in Europa verbreitete Entwicklung hin zu lebensnäheren Comicgeschichten ein: Superhelden oder Fantasyfiguren sind für die neuen Künstler nicht mehr besonders interessant. Und auch der grafische Einfluss der Manga ist in Katja Klengels Zeichnungen nur noch gelegentlich spürbar.

          Über die eigene Erfahrung hinaus

          Was dagegen in ihnen spürbar ist, ist der Wille, auch über den eigenen Erfahrungshorizont hinauszuerzählen, so lange das auf durch Recherche gesicherter Basis erfolgt. So kann man mit Spannung die Darstellung verfolgen, die die Stadt Dresden in „Als ich so alt war“ findet – die heutige und die im Krieg untergegangene.

          Nach „Don Quijote“ von Flix, der die Ritterromansatire von Cervantes auf ihre Tauglichkeit in der Jetztzeit erprobte, geht Katja Klengel mit ihrem Comic für diese Zeitung den umgekehrten Weg und misst die Erfahrungen und Ideale ihrer Generation an denen ihrer Großeltern.

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