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Frankfurt zeigt Tomi Ungerer : Fragezeichen statt Hakenkreuz

Zimmerschmuck nach Tomi Ungerers sarkastischem Geschmack: „The new striped wallpaper“ Bild: Tomi Ungerer

Polyglotte Boshaftigkeit: Im Caricatura-Museum präsentiert sich Tomi Ungerer mit „Satyricon“ als Zeichner, der gleichermaßen in drei Sprachen und mit dem Pinsel zu beeindrucken vermag.

          Wie Tomi Ungerer zum satirischen Zeichner geworden ist? Dafür hat der gerade achtzig Jahre alt gewordene Elsässer bei seinem Auftritt in Frankfurt eine Erklärung, die in seine Kindheit zurückreicht: „1940 kamen die Deutschen, und ich musste eine neue Sprache lernen, in nur drei Monaten. Und als die Franzosen fünf Jahre später zurückkamen, war es auch nicht lustig.“ Zumindest nicht für die, die nun Deutsch sprachen.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Ungerer aber hat sich die Sprache nicht verdrießen lassen, und mit und in ihr, wie auch im Falle des Französischen und Englischen, ist er zu einem Wortartisten geworden, der dem Bildkünstler kaum nachsteht. Wie heißt es unter der Zeichnung einer Hausfrau, die eine Hakenkreuzfahne zum Trocknen auf die Leine hängt? „Gedächtniss Schwäche (oder Wäsche!!)“, und der böseste Witz dabei ist das „SS“ im Gedächtnis. So etwas kann nur der dreizüngige und spitzfedrige Ungerer.

          Im Frankfurter Caricatura Museum für komische Kunst kann man derzeit 170 Arbeiten des zu Lebzeiten bereits legendären Zeichners bewundern, alle ausgeliehen vom Musée Tomi Ungerer in Straßburg, das mehr als zehntausend Blätter hütet. Für Frankfurt wurde eine ungewöhnliche Wahl daraus getroffen, denn neben Dauerbrennern wird etliches gezeigt, was für diese Bücher gezeichnet, aber dann ausgesondert wurde - und darunter sind extrem starke Blätter, die Ungerer oder seinen Verlegern wohl selbst zu sarkastisch waren. So etwa ein freudiger Nazi-Offizier, der einen Juden aus dem Konzentrationslager umarmt. Der Clou jedoch ist die Armbinde des Deutschen: Sie zeigt ein Fragezeichen statt der Swastika. Oder das Bild von einem feisten, sich vollstopfenden Ehepaar im Wohnzimmer, dessen Wände mit gestreifter Tapete verziert sind.

          Green a little green of me: „Das Kamasutra der Frösche“

          Keine leichte Kost, die Ungerer den Besuchern verabreicht. Von der romantischen Harmonie des „Großen Liederbuchs“ oder der Liebenswürdigkeit der Bilderbücher für Kinder ist in Frankfurt nichts zu sehen. Stattdessen gibt es hochinteressante Gegenüberstellungen von Ungerers Bildsatiren mit denen der Neuen Frankfurter Schule - und er gewinnt. Natürlich ist es brillant, wenn F. K. Waechter zwei Riesen hinter einer Bergkette zeichnet, die den dichten Straßenverkehr beobachten und sich zuraunen: „Außen sind sie etwas hart, aber innen weich und lecker.“ Doch Ungerers Blatt mit einem riesigen Knochenmann, der in warme Winterkleidung verpackt ist wie ein Schuljunge und mit kindlicher Geste Menschen aus Autos schüttelt, die er wie Spielzeug von der Straße klaubt, mag zwar nicht so komisch sein wie Waechters Blatt, aber es ist ungleich boshafter. Das ist bei Satire ein Qualitätsmerkmal. Entsprechend qualitätvoll ist die Ausstellung.

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