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Comics zu 9/11 : Wenn Amerikas Himmel zerbricht

Auf der Gegenseite gibt es nur Hassbilder - die Physiognomien seiner Terroristen hat Miller aus einschlägigen Fahndungsfotos entnommen, und in Porträtketten reihen sich als Ideengeber Chomeini, Gaddafi, Kim Jong-il und Ahmadineschad aneinander, eingerahmt von einem noch grinsenden Obama und einer dann fassungslosen Hillary Clinton. Der ästhetische Revolutionär Miller, der vor 25 Jahren das Superheldengenre auf eine neue Grundlage gestellt hat, galt immer schon als der große politische Reaktionär des Comics, und er macht hier ebenso wenig Gefangene, wie es der Fixer tut. „Let’s get us some killing done“, lautet der kategorische Imperativ des Geschehens. Nur dass die amerikanische Seite es aus dem guten Gefühl der Revanche tun kann.

Von der Doppelzüngigkeit der Amerikaner

Wie es der Jahrestag will, ist in Frankreich kurz zuvor - und somit pünktlich - der genaue Gegenentwurf zu „Holy Terror“ erschienen, auch 120 Seiten stark und auch von einem der bedeutendsten Comicschaffenden des Landes gezeichnet: David B. hat zu einem Szenario des Islamwissenschaftlers Jean-Pierre Filiu einen Comic namens „Les meilleurs ennemis“ (Die besten Feinde) publiziert. Er erzählt die Geschichte der amerikanischen Beziehungen zum Nahen Osten, und zwar von 1783, als die gerade entstandene amerikanische Nation gegen muslimische Piraten im Mittelmeer aktiv wurde, bis 1953, als die CIA den iranischen Premierminister Mossadegh stürzte und den Schah wieder an die Macht brachte.

Auch dieser Comic zeigt eine fortwährende Tradition des Terrors: Als Dschihad verherrlichten schon die Paschas in Tripolis oder Algier die Raubzüge ihrer Piratenflotten gegen die Ungläubigen. Aber Filiu und David B. belegen auch die Doppelzüngigkeit der Amerikaner, etwa in den Gesprächen, die John Adams und Thomas Jefferson 1786 mit einem libyschen Gesandten über die Versklavung christlicher Gefangener führten. Jefferson war ja selbst Sklavenhalter.

Der Provokateur geißelt die Unprovozierbaren

David B.s Zeichnungen haben keinerlei Dynamik zu bieten, die mit der von Millers Bildern zu vergleichen wäre, aber er ist der ausgewiesene Meister einer Bildpoesie, die schon immer Anleihen bei orientalischen Motiven genommen hat. Somit ist er der ideale Zeichner für Filius Schilderung der weniger bekannten Kapitel der Vorgeschichte zum 11. September. Provokation liegt den beiden Franzosen fern, während sie genau das ist, was Miller interessiert, der seinen Comic mit einem doppelseitigen Mohammed-Zitat einleitet, dessen zweite Hälfte blutrot gedruckt ist: „Wenn du den Ungläubigen triffst, töte den Ungläubigen.“ Einen Quellennachweis bleibt Miller schuldig.

Aber „Holy Terror“ ist ja im Gegensatz zu „Les meilleurs ennemis“ auch kein Sachcomic; er will jenen Kitzel erzeugen, den die Popkultur eben nicht im ästhetischen Raffinement, sondern im Exzess findet. Anders als exzessiv kann man Millers Comic nicht nennen. Er soll, so pervers das scheinen mag, Vergnügen bereiten und macht deshalb seine Protagonisten zu Schießbudenfiguren. Ernst nehmen darf man das nicht, sonst verträte man dieselbe Bild- und Textexegese wie der Extremismus. Es ist ein Vorzug des Westens, dass er sich nicht so einfach provozieren lässt. Und es ist das teuflische Vergnügen Millers, diese Disposition, von der er selbst profitiert, als Schwäche zu geißeln.

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