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Carolin Emcke über die RAF : Absenderin einer Flaschenpost

Für wen spricht sie? Carolin Emcke betrachtet die Geschichte der RAF aus vielen Perspektiven Bild: Sebastian Bolesch

Carolin Emcke hat mit „Stumme Gewalt“ ein Buch geschrieben, das zum Gespräch zwischen der RAF, deren Opfern und den Ermittlern aufruft. Was hat sie darauf gebracht? Und für wen spricht sie? Andreas Platthaus hat sie auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee getroffen.

          Wir treffen uns auf dem Friedhof ihrer Wahl. Im Angebot waren auch das liebste Café, die liebste Buchhandlung, die liebste Bar, aber ich wollte den Friedhof. „Wir sollten danach aber unbedingt noch ein Café oder eine Bar dranhängen - sonst denken Sie, ich sei komplett morbid und spaßfrei (und das ist bei Kriegsreportern immer das gängige Klischee).“ Wer das denkt, hat Carolin Emcke noch nicht gelesen. Ihre Reportagen sind Beobachtungen, die weit mehr enthalten als die üblichen Berichte aus den Krisengebieten der Welt, aus Pakistan, Iran, dem Balkan oder zuletzt dem Gazastreifen. Sie hat die Augen weit offen, und der Blick fürs Skurrile zeichnet sie nicht weniger aus als der fürs Schreckliche. Ihre Texte sind - mit einem alten deutschen Wort gesprochen - gewitzt.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Für einen allerdings todernsten hat sie gerade den Theodor-Wolff-Preis zugesprochen bekommen. Im September 2007 erschien im „Zeitmagazin Leben“ ihr Artikel „Stumme Gewalt“, eine Erinnerung an das Attentat auf Alfred Herrhausen, der ein enger Freund ihrer Eltern war und für Carolin Emcke wie ein Patenonkel. Er war es nicht, das haben die Rezensenten einfach überlesen, aber der Sprecher der Deutschen Bank war jemand, der die junge Frau beeindruckt hat. Als er am 30. November 1989 von der RAF ermordet wurde, studierte die damals Zweiundzwanzigjährige in London und flog noch am selben Tag nach Frankfurt, um Herrhausens Familie in Bad Homburg beizustehen.

          Ein Friedhof als Kulturzeugnis

          Später, so erzählt sie, als sie dann selbst in Frankfurt lebte, fuhr sie nach dem nächtlichen Schreiben an ihrer Abschlussarbeit am frühen Morgen regelmäßig hinaus auf den Friedhof und besuchte dort das Grab von Alfred Herrhausen. Mittlerweile wohnt sie seit einigen Jahren in Berlin, und ihr hiesiger Lieblingsfriedhof ist der jüdische in Weißensee, der größte seiner Art in ganz Europa. „Ich war verblüfft“, meint sie, als wir auf den langen Wegen zwischen den alten Bäumen und den in Violett explodierten Rhododendronbüschen entlangspazieren, „dass Sie diesen Friedhof kannten. Normalerweise kann ich damit überraschen. Ich nehme Besucher gern mit hierher, gerade ausländische, weil hier sichtbar wird, was für eine Bedeutung das jüdische Leben einmal für Deutschland hatte.“

          Angelegt wurde der Jüdische Friedhof Weißensee 1880; mehr als 115 000 Menschen haben dort ihre letzte Ruhestätte gefunden, der Großteil natürlich vor der Nazizeit. Hier liegen Mosses und Fischers, Mendelssohns und Panofskys, Lewandowskys und Tietz - nicht immer die berühmtesten Vertreter dieser Familien, aber allein die Namen lassen Erinnerungen auferstehen an eine Epoche, in der deutsche Kultur entscheidend durch Juden geprägt wurde. Hier liegt auch der Namensgeber des Preises, den Carolin Emcke im September erhalten wird: Theodor Wolff, der legendäre Chefredakteur des „Berliner Tageblatts“. Seinetwegen kannte ich diesen Friedhof.

          Täter sind interessanter als Opfer

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