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Auszeichnung : Carolin Emcke erhält Friedenspreis

Emcke im Jahr 2013 auf der Frankfurter Buchmesse Bild: dpa

Der Friedenspreis des deutschen Buchhandels geht in diesem Jahr an die Berliner Publizistin Carolin Emcke. Mit ihren Reportagen aus Krisengebieten und philosophisch-soziologischen Studien über Ausgrenzung ist sie eine der streitbarsten Stimmen in Deutschland.

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          In ihrem ersten erfolgreichen Buch, „Von den Kriegen – Briefe an Freunde“, erschienen 2004, stellte die damals beim „Spiegel“ beschäftigte Reporterin Carolin Emcke lapidar fest: „Es gibt Kollegen, die wollen schreiben, um sich selbst zu lesen, es gibt solche, die wollen Preise gewinnen, es gibt solche, die erzählen wollen, solche, die aufrütteln wollen. Ich will Zeugin sein, bei den Menschen, denen Unrecht widerfährt.“ Es ist diese Haltung, für die Carolin Emcke den diesjährigen Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhält.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Von Objektivität ist in ihren Reportagen, aber auch den beiden erfolgreichen philosophisch-soziologischen Studien „Stumme Gewalt – Nachdenken über die RAF“ (2008) und „Wie wir begehren“ (2012) keine Rede. Carolin Emcke stellt die eigene Perspektive  in den Mittelpunkt, im Falle des letzteren Buches auch das eigene Leben, denn „Wie wir begehren“ analysiert den Umgang mit Homosexualität in Deutschland: nicht nur als Ausgrenzung, sondern auch als Eingrenzung, die bei Hetero- wie Homosexuellen daraus entsteht, dass sie in Kategorien von Normalität denken, die eine freie Entfaltung der Persönlichkeit, wie sie die Aufklärung zum Ideal erhoben hat, nahezu unmöglich machen.

          Carolin Emcke wurde 1967 in Mülheim an der Ruhr geboren, wuchs aber in einem Vorort von Hamburg auf. Ihr Studium führte sie nach London, Harvard, aber auch nach Frankfurt am Main, wo die Diskurs-Ethik der Frankfurter Schule zum prägenden Einfluss wurde, den Emcke dann mit der Philosophie von Hannah Arendt ergänzte. Von 1998 bis 2006 arbeitete sie für den „Spiegel“, seit 2007 ist sie freie Publizistin.

          Gespräch mit jenen, deren Leben zerrissen wurde

          In „Wie wir begehren“ hat Carolin Emcke die Metapher vom „Riss in der Welt“ verwandt, der ihr publizistisches Werk durchzieht. Geheilt werden kann er nach ihrer Überzeugung nur durch das Gespräch – das war der Impetus hinter ihrem Buch über die Morde der RAF, in dem sie Opfer und Täter zum Gespräch miteinander aufforderte.

          Doch vor allem sucht Carolin Emcke selbst das Gespräch mit jenen, deren Leben gewaltsam zerrissen wurde: mit Kriegs- und Bürgerkriegsopfern im Ira, in Afghanistan, im Kosovo, in Kolumbien, in Palästina, in Kenia, mit Opfern von Naturkatastrophen wie dem Erdbeben von Haiti, mit Opfern gesellschaftlicher Umbrüche in Kuba ebenso wie in Deutschland, mit Terroropfern, aber auch mit Gruppen, die nicht nur Opfer von Gewalt, sondern auch von Gedankenlosigkeit und Gewohnheiten sind. Der konkrete Feind, gegen den sie anschreibt, ist der Hass. Ihr kommendes Buch – angekündigt für diesen Herbst, also genau passend zur Preisverleihung am 23. Oktober in der Frankfurter Paulskirche – heißt programmatisch „Gegen den Hass“.

          Die Jury hat mit Carolin Emcke eine streitbare Preisträgerin gewählt. Eine, die extrem kritisch auf die deutsche Politik und die deutsche Gesellschaft schaut. Eine, die keinen Hehl daraus macht, dass sie einseitig ist, weil sie konsequent auf der Seite der Opfer steht. Aber auch eine, die in der gegenwärtigen politischen wie gesellschaftlichen Situation mit Flüchtlingskrise und Erstarkung des Nationalismus für die gleichen Ideale steht wie schon der letztjährige Friedenspreisträger, der Schriftsteller Navid Kermani: für ein aus Vertrautheit geborenes Verständnis für den Islam, das Carolin Emcke durch zahlreiche Reisen in den Nahen und Mittleren Osten erworben hat, gegen das Missverständnis von Toleranz als Einbahnstraße, für eine Bürgergesellschaft, die ihre Werte auch dann noch bewahrt, wenn sie unbequem werden.

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