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Gina Thomas (G.T.)

Studie der London Library : Carlyles Vermächtnis

  • -Aktualisiert am

Kultur feiern: Ein hochkarätig besetzte Abend mit Herzogin Camilla, der Patronin der London Library, im Clarence House 2017 Bild: Picture-Alliance

Nicht systemrelevant? Von wegen: Die Mitglieder der London Library steuern jährlich Millionen zur englischen Wirtschaft bei. In Zeiten der Sparpolitik ist das erfreulich - zumal viele Bibliotheken schließen müssen.

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          Am St. James’s Square deutet nichts darauf hin, dass sich hinter der diskreten Londoner Kalksteinfassade ein Labyrinth von Bücherregalen verbirgt, das sich über mehrere Etagen und Gebäude erstreckt und auf einer Gesamtlänge von fast dreißig Kilometern mehr als eine Million Bände fasst. Davon ist der Großteil zugänglich in einer skurrilen Ordnung, die zu wunderbaren Zufallsentdeckungen führt.

          Die 1841 auf Initiative des Historikers Thomas Carlyle gegründete, sich aus Mitgliedsgebühren und Spenden finanzierende London Library ist inzwischen die größte unabhängige Leihbibliothek der Welt. Der Legende zufolge sei Carlyle derart pikiert gewesen über die bevorzugte Behandlung, die der Bibliothekar der British Library Lord Macaulay zuteilwerden ließ, dass er sich zur Gründung einer Alternative entschloss.

          Obwohl sich die beiden viktorianischen Historiker mit ihrer gegenseitigen Verachtung in nichts nachstanden, waren die Hauptmotive des cholerischen Schotten der Wunsch, freien Zugang zu den Regalen zu haben und Bücher ausleihen zu können. Bei der British Library hatte er die Erfahrung gemacht, dass die bestellten Titel erst auf seinem Tisch landeten, als es schon wieder Zeit war, nach Hause zu gehen. Bei einer öffentlichen Versammlung donnerte Carlyle, es gebe keinen Platz in der zivilisierten Welt, der mit Lesematerial für Nichtreiche so schlecht versorgt sei wie London.

          Exklusive Aura - und doch für alle

          Von Dickens und Prinz Albert, der die gesammelten Werke Goethes stiftete, über Virginia Woolf und T.S. Eliot bis zu Tom Stoppard und Kazuo Ishiguro kann sich die London Library der Mitgliedschaft vieler der größten Köpfe des Landes rühmen. An einem der feinsten Plätze der Stadt beheimatet, hat sie bis heute, trotz Anpassungen an die digitale Welt, die Aura eines exklusiven Clubs bewahrt. Bloß, dass die Mitgliedschaft allen offensteht, solange sie sich die Gebühren leisten oder aus dem Verjüngung und ethnisch-kulturelle Vielfalt fördernden Unterstützungsfonds bezuschusst werden.

          Eine Studie hat ermittelt, dass die rund 7.200 Mitglieder durch die Produktion von 716 Büchern, 235 Bühnenwerken, 234 Drehbüchern für Film und Fernsehen sowie mehr als 15.000 Artikeln jährlich einen Wert von 21,3 Millionen Pfund zur britischen Wirtschaft beisteuern. Im Durchschnitt behaupten die Autoren mehr als dreißig Prozent ihrer schöpferischen Tätigkeit der Bibliothek zu verdanken, die sie nicht nur mit Material versorgt, sondern auch als Arbeits- und Begegnungsstätte dient. So wie sie in den beiden Weltkriegen Bücher an die Front schickte, erfüllt die London Library im Lockdown die Buchwünsche ihrer Mitglieder auf dem Postweg.

          Als Carlyle noch in Schottland lebte, beklagte er den Mangel an Bibliotheken und fragte, warum nicht eine Bibliothek ihrer Majestät in jeder Stadt vorhanden sei, wo es doch allerorts Gefängnisse und einen Galgen ihrer Majestät gebe. Das ist fast zweihundert Jahre her. Die Todesstrafe ist zum Glück abgeschafft, aber die steigende Gefängnisbevölkerung erfordert den Bau von neuen Megahaftanstalten. Unterdessen hat die Austeritätspolitik zur Schließung von rund achthundert öffentlichen Bibliotheken geführt.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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