https://www.faz.net/-gqz-a4oyp

Aktionskunstraub in Oberhausen : Capri-Sonde

Am 18. Oktober hat das Künstlerkollektiv „Frankfurter Hauptschule“ eine Beuys-Skulptur aus einer Ausstellung in Oberhausen gestohlen und in einem symbolischen Akt der Restitution in die ehemalige deutsche Kolonie Tansania gebracht. Bild: Frankfurter Hauptschule

„Bad Beuys go Africa“: Nachdem das Künstlerkollektiv „Frankfurter Hauptschule“ eine Skulptur von Joseph Beuys aus einer Ausstellung in Oberhausen entwendet hat, fragt man sich, ob die deutsche Aktionskunst noch an ihrem Platz ist.

          2 Min.

          Diese Zitrone hat noch viel Saft! Bei der Lektüre der jüngsten Pressemitteilung des studentischen Künstlerkollektivs mit dem albernen Namen Frankfurter Hauptschule weiß man sofort, dass man sich auf viele Erfolgsmeldungen gleichgesinnter Absender mit analogem Inhalt einstellen muss. Mit der Geschichte der Aktionskunst verhält es sich nämlich so: Als Karl Heinz Bohrer noch bei der F.A.Z. spielte und Günter Netzer in jeder Mannschaftssitzung von Borussia Mönchengladbach zuerst einen seiner gefürchteten Verrisse des vorigen Spiels vortrug, da verhieß die unangekündigte, ins Leben greifende artistische Handlung den Schock, die Unterbrechung, das Aufsehen, das man hinterher unbedingt miterlebt haben wollte.

          Aber längst ist das Happening ein Kunstevent wie jedes andere: zu schön, um nur einmal stattzufinden. Die künstlerische Intervention gibt es nur als Multiple, weil die gesellschaftlichen Verhältnisse, die der Eingriff aufbrechen soll wie weiland ein Netzer-Freistoß eine Beton-Abwehr oder eine Bohrer-Glosse die kollegiale Indolenz, fast immer so asymmetrisch und unästhetisch bleiben wie eh und je. Man hat in den letzten Monaten mehrfach von Aktivisten gehört, die aus europäischen Museen Objekte entwenden, um sie Repräsentanten der Völker zu übergeben, denen sie nach ihrer Ansicht geraubt worden sind. Dass diese Diebe sich selbst als Künstler bezeichnen, ist nicht nur ein Manöver juristischen Selbstschutzes, das indes wenig aussichtsreich sein dürfte, da nicht erst seit dem Sprayer von Zürich bekannt ist, dass die Kunstfreiheit keinen Durchgriff auf fremdes Eigentum rechtfertigt.

          Die Selbstermächtigung entspricht einem Schulbegriff der modernen Kunst, wonach auch der asozialste Einfall aus der Tiefe eines Raumes kommt, in dem alles Handeln repräsentativ wirkt. Jeder Künstler ist dann ein Mensch, weil er für die Menschheit tätig wird. Von höheren Wesen wie dem Götzen der postkolonialen Gerechtigkeit und dem Großprior der Gedächtnislückenbüßer ließen sich die Frankfurter Nachwuchskräfte der gespielten Witz-Performance also befehlen, aus dem Theater in Oberhausen die Capri-Batterie von Joseph Beuys zu entfernen, die dort als Leihgabe aus Münster in einer Ausstellung zum Gedenken an Christoph Schlingensief zu sehen war. Zweihundert Exemplare stellte Beuys von der Kombination einer Glühlampe und einer Zitrone her, versehen mit der Gebrauchsanweisung: „Nach 1000 Stunden Batterie auswechseln“. So können jetzt auch die Stammesältesten der Hehe in Tansania verfahren, denen die Frankfurter Hauptschule das Werk nach eigenen Angaben ausgehändigt hat. Dass die Energieübertragung funktioniert, muss bezweifelt werden. Denn einstweilen werden schon deshalb fast keine Museumsobjekte nach Afrika zurückgeführt, weil es an Rückgabeforderungen von dort fehlt. Der Aktionismus der Künstler bleibt Ersatzhandlung.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Wie aus Zwängen Zwingendes wird

          FAZ Plus Artikel: Nachverdichtung : Wie aus Zwängen Zwingendes wird

          In Rüsselsheim zeigen die städtische Wohnungsgesellschaft und ein Münchner Architektenbüro, dass Nachverdichtung unter erschwerten Bedingungen gelingen kann. Entstanden ist eine Mischung aus südhessischer Herbheit und mediterraner Anmut.

          «Gabriel» von George Sand Video-Seite öffnen

          Spielplanänderung : «Gabriel» von George Sand

          Jella Haase, bekannt aus „Fack ju Göhte“ und „Berlin Alexanderplatz“, entdeckt unter der Regie der jungen Regisseurin Laura Laabs die Abgründe des kapitalistischen Systems und das anarchistische Wesen des weiblichen Geschlechts in einem bislang noch nicht uraufgeführten Text der französischen Schriftstellerin George Sand.

          Topmeldungen

          Das Coronavirus brachte die Aktienmärkte durcheinander. Wie geht es im nächsten Jahr weiter?

          Chancen am Aktienmarkt 2021 : Alles Corona oder was?

          Für Reise- und Luftfahrt-Titel brauchen Anleger gute Nerven, die Pharmabranche ist einen Blick wert. Was sind die Chancen für das Jahr 2021? Wir geben den Überblick in einer neuen Serie zur Geldanlage.

          Am Tag des Corona-Gipfels : RKI meldet Rekordzahl an Todesfällen

          Zum ersten Mal starben an einem Tag mehr als 400 mit dem Coronavirus infizierte Menschen in Deutschland. Auch die Zahl der Neuinfektionen ist weiterhin ein Anlass zur Sorge. Heute wollen Bund und Länder sich auf neue Maßnahmen einigen.
          Mit dem Zeltlager am Platz der Republik in Paris wollte ein Flüchtlingshilfeverein am Montag auf die ungelöste Unterbringungsfrage für Asylbewerber und illegal eingereiste Migranten aufmerksam machen.

          Abgelehnte Asylbewerber : Letzte Hoffnung Frankreich

          Viele in Deutschland und anderen EU-Staaten abgelehnte Asylbewerber fliehen nach Frankreich. Hier werden die Anträge weniger streng geprüft. Die französische Migrationsbehörde sieht sich als Opfer der europäischen Asylpolitik.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.