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Filmfestival Cannes 2011 : Warte, bis es dunkel ist

Was sich gleich bleibt: Auf dem roten Teppich in Cannes Bild: dapd

Ein Finne war müde, eine Frau aus Iran tapfer, ein Däne drehte durch, und ein Amerikaner zeigte uns den Kosmos - so war das Festival von Cannes 2011.

          5 Min.

          Wie ein müder Bär trottete Aki Kaurismäki die Stufen mit dem roten Teppich empor. Sein Film „Le Havre“ hatte Premiere, der große Saal im Festivalpalast war ausverkauft. Kaurismäki wusste noch nicht, dass er einer der Anwärter auf einen Preis ist, aber wahrscheinlich hätte er auch, wenn er es gewusst hätte, eine Zigarette nach der anderen geraucht, während er unten wartete. Als er endlich dran war, schlurfte er also auf die Stufen zu, umgeben von seinen Mitarbeitern, darunter der französische Rocker Little Bob, der mit ein paar Tanzbewegungen etwas Leben in die Bude bringen wollte.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Kaurismäki machte auch ein paar erschöpfte Tanzansätze, beschränkte sich bald aber darauf, den Zeigefinger vor seinem gewaltigen Bauch immer wieder in die Luft zu stoßen, bis er selbst das aufgab, oben angekommen war und sich eine weitere Zigarette ansteckte. Der Applaus umtoste ihn förmlich, als er endlich den Saal betrat. Das ist der Augenblick, der jeden Abend ganz allein dem Regisseur gehört. Wenn das Licht ausgeht, der Vorhang vor der Leinwand zugezogen wird, als müsse sie noch mal freigewischt werden von allen vorherigen Bildern, bevor er sich für die Vorstellung wieder öffnet und der Vorspann des Festivals beginnt, wird die Stimmung feierlich.

          Der Auftritt der Frauen

          Und immer wird das Festivallogo, der goldene Palmenzweig, beklatscht, der sich aufklappt. Ohne ein Sponsorenlogo als Konkurrenz. Und dann begann an jenem Abend die Geschichte vom Schuhputzer in „Le Havre“, der zwischen dem Hafen im Nebel, den Bretterbuden eines blau und rot gestrichenen Sets mit einem Bäcker, einem Gemüsehändler, einer Bar und einer Wohnung, der gegenüber Jean-Pierre Léaud lebt, einen schwarzen Jungen rettet. Brausender Beifall.

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          Vier Regisseurinnen im Wettbewerb gegenüber sechzehn Regisseuren – das reichte schon, um vom Festival der Frauen zu sprechen. Dazu hingen in den Foyers riesige Pin-up-Fotos, und vor dem Palast spielte auf einem Monitor ein Bikini-Mädchen aus den Sechzigern in Zeitraffer seine Posen durch. Über alldem hing immer noch die Frage: Machen auch Frauen gute Filme? Die Antwort, die das Festival zeigte, war nicht überraschend: Manche schon. Manche Männer ja auch.

          Das nackte Gesicht der Schönheit

          Auch im Zeitraffer ein paar der vielen berührenden, mutigen, exzentrischen, klassischen Auftritte von Frauen vor und hinter der Kamera in den letzten zwölf Tagen: Jodie Foster war nicht nur das Risiko eingegangen, mit Mel Gibson zu drehen, den sie für die Idealbesetzung in „Der Biber“ hält, sondern schreckte auch nicht davor zurück, mit ihm über den roten Teppich zu laufen und zu betonen, er sei ein enger Freund. Seine Skandale ließ sie ganz bei ihm, ohne sich von ihrer Freundschaft zu distanzieren. Lynne Ramsay verfilmte ein sehr populäres Buch von Lionel Shriver und riskierte alles für ihren Plan, Bilder zu schaffen, die Möglichkeiten zeigen statt Tatsachen („We Need to Talk about Kevin“).

          Charlotte Rampling tröstete uns mit dem Satz „die Seele altert nicht“ (in Angelina Maccarones „The Look – A Self Portrait Through Others“) und zeigte uns ihr nacktes Gesicht, das beweist, dass dies manchmal auch für die Schönheit gilt. Cécile de France spielte für die Dardenne-Brüder in „Le Gamin au Vélo“ eine durch und durch gute Samariterin, so nah am Klischee geschrieben, dass der Absturz unvermeidlich schien – und sah auf der Leinwand dann aus wie die Friseuse, die ihre Rolle war, ließ alle Klischees links liegen und blickte uns aus einem Gesicht an, das einfach nur sagte, alles wird gut.

          Der Höhepunkt

          Die mutigste Frau des Festivals aber war die Gattin von Mohammad Rasoulof. Ihr Mann, wie Jafar Panahi in Iran zu sechs Jahren Haft und zwanzig Jahren Berufsverbot verurteilt, hatte, wie auch Panahi, einen Film nach Cannes geschickt. Er hieß „Bé Omid é Didar / Au Revoir“ und schnürte einem die Luft ab. Seine Frau stand vor der Premiere auf der Bühne und überbrachte die Nachricht, der Film sei allen politischen Gefangenen in Iran gewidmet, jenen, deren Namen wir kennen, und allen, die namenlos bleiben. Gern kennengelernt hätten wir die junge Frau, von der Jafar Panahi in seinem Film erzählen wollte, den er nicht drehen darf. Er machte in seinem Beitrag „In Film Nist / Dies ist kein Film“ vor, wie sie gefangen gehalten wird, und zeigte ein Foto von zwei Mädchen auf seinem iPhone, die die Rolle vielleicht hätten spielen können.

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