https://www.faz.net/-gqz-z76y

Festivaleröffnung in Cannes : Ein alter Peugeot als Zeitmaschine

Es gab Gerüchte, Carla Brunis Rolle sei im Schneideraum auf der Strecke geblieben. Ein paar Minuten ist sie aber doch zu sehen Bild: dpa

Eine Liebeserklärung an die großen Frauen des Films und eine an Paris: Woody Allens neues Werk „Midnight at Paris“ eröffnet das Filmfestival in Cannes und sorgt für einen ersten Schwung Prominenter.

          3 Min.

          Die Beine von Faye Dunaway. Lang, lässig nebeneinander gebeugt, glatt und weiß. Um sie herum eine Menge Schwarz, ein paar Meter weiter oben dann ihr Kopf, mit dem weißen großen Gesicht und den langen Wimpern, die wie ein Gewicht die Lider über die schwarzgeränderten Augen ziehen. Auf diese Beine an der Fassade des Festivalpalasts fällt der Blick beim Blinzeln in die Abendsonne am Vortag der Festivaleröffnung zuerst.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Es ist das Plakat über dem Eingang zum Festivalpalast, während am roten Teppich noch geklebt wird. Der Palast selbst ist leer, die Rolltreppen stehen noch, aber auch drinnen hängen schon Plakate, Pin-up-Poster aus der Kobal Collection der Schönen des Kinos. Liz Taylor im weißen Einteiler, Jane Mansfield im getigerten Zweiteiler, Ava Gardner mit Netzstrümpfen vor getigerter Tapete, Cyd Clarisse in glänzendem Grün auf nackter Haut. An jeder Säule hängen Frauenbilder, nur ein oder zwei Männer sind zu sehen, und noch ist nicht ganz auszumachen, ob wir das als Camp begreifen sollen oder als Teaser – oder vielleicht als Fotokunst. Plakatiert wird es als Liebeserklärung an die großen Frauen des Films in seinen glamourösesten Jahrzehnten um die Mitte des letzten Jahrhunderts. Aber was ist dann das Bild der Dunaway, die so deutlich unseren Blick zurückweist, dem die anderen fast ausnahmslos ausgeliefert sind?

          Vielleicht werden wir es verstehen, wenn sich diese Bilder verbinden mit dem, was wir auf der Leinwand in den nächsten zwölf Tagen zu sehen bekommen. „Hip“, das war eins der Schlagwörter, die fielen, nachdem das Programm feststand. Es bedeutete: Cannes will weg vom Image, ein Schaufenster für gut abgehangene Auteur-Ware zu sein, es sucht eine Mischung aus Filmen von Veteranen wie Lars von Trier, Pedro Almodóvar, den Brüdern Dardenne und so weiter mit Werken von Debütanten und Debütantinnen. Immerhin vier – die Schottin Lynne Ramsay, die Japanerin Naomi Kawase, die Französin Maiwenn und die Australierin Julia Leigh – schafften es in den Wettbewerb. Das sind genau vier mehr als im vergangenen Jahr.

          Noch eine Liebeserklärung an Paris: Owen Wilson und Rachel McAdams als Liebespaar Gil und Inez
          Noch eine Liebeserklärung an Paris: Owen Wilson und Rachel McAdams als Liebespaar Gil und Inez : Bild: dpa

          Charmant akzentuiertes Englisch

          Zu den Veteranen zählt natürlich auch Woody Allen. Er brachte mit dem Eröffnungsfilm „Midnight in Paris“ (der außer Konkurrenz läuft) den ersten Schwung Prominente an die Croisette. Adrien Brody ist darunter, Rachel McAdams und Owen Wilson. Da es bei Woody Allens Filmen zunehmend einerlei wird, ob sie mehr oder weniger gut gelungen sind, war die Frage, die alle am meisten interessierte: Kann Carla Bruni, die in einer Nebenrolle zu sehen ist, spielen? Und da es hartnäckige Gerüchte gab, ihre Rolle sei im Schneideraum auf der Strecke geblieben: Wie viel von ihr werden wir zu sehen bekommen?

          Es waren dann doch einige Minuten. Bruni hat den Part einer Museumsführerin, die erst den „Denker“ von Rodin erklärt und später noch einmal auftaucht, um in charmant akzentuiertem Englisch dem Mann im Mittelpunkt – Owen Wilson spielt diesmal Woody Allens jüngeres Alter Ego – aus dem Tagebuch von Adriana vorzulesen, in dem er eine Rolle spielt. Adriana wird gespielt von Marion Cotillard, eine weitere Schönheit für den roten Teppich. Ob sie auch kommt?

          Alle diese Filme!

          „Midnight in Paris“ beginnt mit einer Folge von Parisbildern, wie sie in jedem Touristenfotoalbum zu finden sind. Es ist ein langer Anfang, dazu spielt ein ganzer Cole-Porter-Song, und Paris verwandelt sich von einer Stadt im Sonnenschein am Morgen zu einer Stadt mit Regen am Nachmittag und glitzernden Lichtern bei Nacht. Wer jetzt schon gähnt, wird Mühe haben, dem Rest zu folgen, in dem es um den Hollywood-Autor und Möchtegern-Schriftsteller Gil (Wilson) geht, der mit seiner Verlobten in Paris ist und davon träumt, dort zu bleiben, während sie vor allem einkaufen will und ihn eigentlich verachtet. Nachts trifft Gil dann die bewunderten Größen des Paris der zwanziger Jahre, seine bevorzugte Ära, wobei ein alter Peugeot als Zeitmaschine dient. So verbringt er seine Nächte mit Zelda und Scott Fitzgerald, Gertrude Stein („Hi, Alice“), Ernest Hemingway, Pablo Picasso, Dalí, Buñuel, Man Ray und eben Adriana, in die er sich verliebt. Adriana aber, Geliebte Modiglianis, Picassos und anderer, bevorzugt die Belle Epoque. Da besuchen sie dann Toulouse-Lautrec im „Moulin Rouge“.

          Die Dialoge treffen, wie auch die Bilder, jedes Klischee. Dennoch hatte man den Eindruck, dass die Zuschauer im Festivalkino das für durchaus geistreich hielten. Eine Liebeserklärung an Paris (noch eine!) nannten das die Festivalmacher und Woody Allen selbst, was nicht verkehrt ist für eine seicht unterhaltsame Eröffnung, die Lust darauf macht, dass es endlich losgeht mit Filmen, in denen wir eine Ahnung davon kriegen, worauf es ankommt. Vor dem Kinoausgang lief im Fernsehen gerade ein Interview mit Woody Allen und Owen Wilson, der dem Robert Redford der siebziger Jahre verblüffend ähnlich sieht. „Ist das Ihr erstes Mal in Cannes?“, fragte der Reporter. „O ja“, antwortete Wilson, „es ist großartig, wundervoll, hier zu sein. Es ist so aufregend. Alle diese Filme!“ Hieße „Midnight in Paris“ stattdessen „Afternoon in Cannes“, dies wäre eine brauchbare Dialogzeile gewesen.

          Weitere Themen

          Der Zauberlehrling des Kinos

          Jean-Luc Godard zum 90. : Der Zauberlehrling des Kinos

          Ein Filmkritiker wird Regisseur, und neben dem, was er nun hervorbringt, sieht das ganze bisherige Kino plötzlich alt aus: Jean-Luc Godard zum neunzigsten Geburtstag.

          Goethes Aufklärer

          W. Daniel Wilson wird 70 : Goethes Aufklärer

          Er stellt sich mit seinen Schriften respektvoll gegen eine Verklärung der Weimarer Klassik und leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Forschung. W. Daniel Wilson zum Siebzigsten.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.