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Cannes : Jedes Gedicht braucht Blumen

„Poetry” dreht sich um eine Frau Mitte sechzig, die Probleme mit ihrem Gedächtnis hat und einen Volkshochschulkurs besucht, um Gedichte schreiben zu lernen Bild: Festival

Der Wettbewerb des Filmfestivals in Cannes erzählt von siechenden Menschenhändlern, verschleppten Mönchen und dichtenden Großmüttern. Zwei Filme schaffen es, den Blick des Publikums zu schärfen: „Des hommes et des dieux“ von Xavier Beauvois und „Poetry“ von Lee Chang-dong.

          3 Min.

          Wenn man in kurzer Zeit viele sehr mittelmäßige Filme sieht wie in diesem Jahr im Wettbewerb von Cannes, vergisst man leicht den Zusammenhang und erinnert sich schon nach wenigen Stunden nur noch fragmentarisch. An Barcelona zum Beispiel, wie man es im Kino noch nie gesehen hat und wie Alejandro González Inárritu es in seinem düsteren Wettbewerbsbeitrag „Biutiful“ zeigt, eine Stadt ohne Sonne und Folklore, die in verschiedenen Schichten übereinanderliegt: im Keller die chinesischen, illegal eingereisten und untergebrachten Näher falscher Markentaschen, auf den Straßen die senegalesischen Händler, die sie verkaufen, in den Etagen darüber die Organisatoren des Schwarzmarkts und zwischendrin, vermittelnd, abstaubend, Geschäfte machend, warnend Javier Bardem, krebskrank, mit spirituellen Fähigkeiten (er sieht Tote), Vater zweier Kinder.

          Verena Lueken
          Freie Autorin im Feuilleton.

          Die Geschichte türmt eine Katastrophe auf die nächste und bleibt trotz ihrer für einen Inárritu-Film ungewöhnlich geradlinigen Struktur etwas wirr. Aber Bardem kann man, solange er in körperlich halbwegs solidem Zustand ist, schon eine Weile zusehen. Und eine Szene, in der die Polizei die Straßenhändler aufmischt und durch die Gassen treibt, ist nachgerade brillant in ihrem Ausbruch von Tempo, Gewalt und Chaos.

          „Schwanensee“ beim letzten Abendmahl

          Es liefen in diesen Tagen aber auch zwei Filme im Wettbewerb, die in ihrer Gesamtheit in Erinnerung bleiben werden und möglicherweise für Preise in Frage kommen. „Des hommes et des dieux“ von Xavier Beauvois und „Poetry“ von Lee Chang-dong. Beauvois bezieht sich auf einen Fall aus dem Jahr 1976, als im algerischen Atlas eine Gruppe von sieben katholischen Mönchen von einer islamistischen Bande verschleppt und später tot aufgefunden wurde. Wobei es nicht darum geht, den historischen Fall zu rekonstruieren - inzwischen sind offenbar Dokumente aufgetaucht, die für den Tod der Mönche möglicherweise Regierungstruppen verantwortlich machen. Es geht vielmehr darum, das Leben der Mönche in dem Ort, mit den Menschen dort lebendig werden zu lassen. Und auch für alle, die mit religiösen Ritualen nicht so viel anfangen können, hat das einen großen Reiz.

          In „Des hommes et des dieux” zeigt Xavier Beauvois, wie sich der Glaube im Alltag verankert
          In „Des hommes et des dieux” zeigt Xavier Beauvois, wie sich der Glaube im Alltag verankert : Bild: Festival

          Denn es gelingt Beauvois aus einer Haltung ruhiger Kontemplation heraus zu zeigen, wie sich der Glaube im Alltag, im Bestellen der Felder, den gemeinsamen Essen und durchaus kontroversen Diskussionen, den verschiedenen Tätigkeiten der einzelnen Brüder verankert - der eine (wunderbar verkörpert von Michael Lonsdale) ist Arzt und versorgt die Dorfbewohner, andere kümmern sich um die Bienen und verkaufen den Honig auf dem Markt, und Christian (Lambert Wilson) sorgt als Oberhaupt der kleinen Gemeinschaft dafür, dass sie sich die richtigen Fragen stellen. Nach den ersten Zwischenfällen und Aufruhr in den Städten mit Toten heißen diese: Bleiben oder gehen? Wohin mit der Angst, und gibt es einen anderen Ort für jeden Einzelnen von uns? Beauvois inszeniert diese inneren und gruppeninternen Auseinandersetzungen mit Gelassenheit, Distanz und großem Respekt, sozusagen ohne sich einzumischen. Beim letzten Abendmahl, nach der Entscheidung zu bleiben, legt einer der Brüder eine Musikkassette mit „Schwanensee“ ein, bringt zwei Flaschen Wein, und Beauvois zeigt noch einmal jedes dieser außergewöhnlichen Gesichter in einer großen Szene, mit der der Film hätte enden können.

          Berührende wie ungewöhnliche Frauengestalt

          Auch „Poetry“ des Koreaners Lee Chang-dong hat keine strahlenden Helden zu bieten, sondern dreht sich ganz um eine Frau Mitte sechzig (Yun Jung-hee), die mit ihrem halbwüchsigen Enkel zusammenlebt. Sie hat Probleme mit ihrem Gedächtnis, sie besucht einen Volkshochschulkurs, um Gedichte schreiben zu lernen, und erfährt, dass ihr Enkel über eine längere Zeit ein Mädchen, das sich in den Fluss gestürzt hat, mit einer Gruppe von Freunden vergewaltigt hatte. Die Eltern der Freunde wollen die Sache mit Geld regeln, der Enkel nimmt nicht viel wahr und spricht auch nicht, mit dem Dichten ist es schwierig - und mit dieser Geschichte entwirft Lee Chang-dong eine so berührende wie ungewöhnliche Frauengestalt.

          Weil es das Dichten erfordert und weil sie weiß, sie wird bald alles vergessen, sieht sie sich die Welt noch einmal genau an, jeden Apfel, was ziemlich komisch ist, die Farben der Gräser, Blumen natürlich, es soll ja ein Gedicht dabei herauskommen. So kommt es, dass wir, wenn am Ende wieder der Regen auf den Fluss fällt, die Kreise sehen, die die Tropfen ziehen. Und darum geht es im Kino, auf einen Festival zumal, ja auch - den Blick zu schärfen. Diese beiden Filme haben das geschafft, mit ganz unerwarteten Themen.

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