https://www.faz.net/-gqz-7032x

Filmfestival in Cannes : Das Kino ist kein Land

Cannes: Sex, Drogen - und Kristen Stewart Bild: afp

Vertraute Orte, von denen wir plötzlich glauben, wir hätten sie in Film und Leben nie gesehen: Reisende Beatniks, geschäftige Thriller und mehr im Wettbewerb von Cannes.

          3 Min.

          Wenn das Kino die Innenräume verlässt und nach draußen geht, sehen wir, wenn wir Glück haben, ein Stück von der Welt, wie es uns noch nicht bekannt war. Weil wir die Orte noch nie besucht haben. Weil wir die Orte zwar kennen, aber einen anderen Blick auf sie hatten, bisher. Weil wir zu Orten geführt werden, die uns gänzlich unzugänglich sind. Nicht nur in die Traumwelten, die das Kino erschafft, sondern zu realen Schauplätzen. Manchmal ist das, was gleichsam dokumentarisch in filmischer Verdichtung vor unsere Augen kommt, alles, was zählt. Früher war das eine der großen Attraktionen des Kinos als Fenster in die Welt. Heute ist es immerhin noch manchmal so.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Im Dschungel am Amazonas etwa, durch den die Macheten nur für einen Augenblick einen Weg freischlagen, und in den Slums von Buenos Aires mit den halbfertigen Wohnblöcken, in deren oberer Etage sich die Süchtigen niederlassen, während ihre Händler unten, in engen Gassen zwischen Wellblechwändenunter Plastikplanen zusammenkochen, womit die Kinder oben sich zerstören. Oben wie unten bleibt das Regenwasser tagelang stehen. Es ist nicht das erste Mal, dass wir in diesen Slums unterwegs sind, sie sind oft gefilmt worden. Aber Pablo Trapero zeigte sie uns noch einmal ohne zu blinzeln in „Elefante Blanco“ (in der Reihe Un certain regard). Der Film mag eine Art sozialkritisch-religiöse Exploitation sein, es geht um die Glaubenskonflikte eines Geistlichen, Sex im Zölibat, Gewalt unter Drogenhändlern, Chancenlosigkeit im Slum und den Segen der guten Tat- all dies aber steht zurück hinter den Orten, an denen er spielt. Sie brauchen keinen Plot, um zu erzählen, dass die Hölle keine Erfindung der Priester ist.

          „Amerika, das ist kein Land“

          Niemals wären wir auf die Idee gekommen, einen Badeurlaub in Mohang in Südkorea zu planen, wir wussten nicht einmal, dass dort ein Strand ist. Hong Song-soohat mit Isabelle Huppert dort den Film „Da-reun na-ra-e-suh“ (In einem anderen Land) gedreht, seinen Wettbewerbsbeitrag. „Echos aus der NouvelleVague“ - hätte ich einen Wunsch frei, wollte ich diesen Satz, der im Zusammenhang mit diesem Film immer wieder geäußert wird, nie wieder lesen müssen. Aber der Ort, an dem Isabelle Huppert dreimal eine Frau namens Anna spielt, die verschiedene Leute trifft, die immer dieselben und doch wieder andere sind außer dem Rettungsschwimmer, der immer nur derselbe bleibt, hat eine seltsam hypnotische Ausstrahlung. Es ist gar nichts los in Mohang. Der Himmel ist grau, der Strand klein, das Wasser kalt. Einmal pro Kapitel schwimmt der Strandwächter von rechts nach links durchs Bild. Sonst gibt es jenseits der kleinen Gruppe niemanden dort, nicht einmal eine Landschaft. Leere, durch die eine Straße führt, auf der niemals ein Auto kommt. Das Paradies. Ein Albtraum. Definitiv nicht französisch. Antibes und Cannes. Könnte ein Ort vertrauter sein in diesen Tagen? Bei Jacques Audiard in seinem Film „Rost und Knochen“ glauben wir, wir wären nie hier gewesen. Der Parkplatz irgendwo draußen, auf dem auf Männer gewettet wird, die einander mit nackten Fäusten sehr wehtun, der Vergnügungspark mit maritimen Attraktionen, in dem zu Diskomusik Killerwale ein Ballett aufführen, was passiert an diesen Orten jetzt, während nebenan unter besser angezogenen Menschen auch gelärmt wird?

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Leergeräumtes Haus der Demokratie: Die Paulskirche vor der Frankfurter Skyline

          Symbolort der Demokratie : Der Paulskirche fehlt die Aura

          Die Gestaltung der Frankfurter Paulskirche ist ein erinnerungspolitisches Desaster. Damit sie als zeitgemäße nationale Gedenkstätte wirken kann, muss die anstehende Sanierung mehr als eine technische Ertüchtigung sein. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.