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Festival in Cannes : Von Strandjungen und Schnabeltassen

Am Ende des Lebens gibt es Zärtlichkeit, die sich gegen den Verfall stemmt: Jean-Louis Trintignant als Georges und Emmanuelle Riva als Anne in Michael Hanekes „Liebe“ Bild: Warner Brothers

Nach Kassenfüllern wie „Madagaskar“ kommen Ulrich Seidls „Paradies: Liebe“ und der mit Spannung erwartete neue Film „Liebe“ von Michael Haneke zur Aufführung. Sie zeigen zwei sehr verschiedene Spielarten eines Gefühls.

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          Die Haltung ist konspirativ, der Ton wispernd. Doch es geht meistens nicht um Drogen, sondern nur um Eintrittskarten. Einladungen, bedeutet das in Cannes. Schon morgens vor acht Uhr streifen die Suchenden die Croisette hinauf und hinunter und sprechen jeden an, der so aussieht, als könne er ihnen weiterhelfen. Es gibt in den zwölf Tagen des Filmfestivals alles, was Kino ist - den Karneval, die Stars, Glamour alten Stils in neuen Kleidern, die dicken Produzenten mit den dünnen Mädels im Arm, Regisseure, die Kunst und solche, die vor allem Geld machen wollen, die Kritiker, die Verkäufer, die Einkäufer und alle, die zwischen ihnen hin- und herrasen, weil sehr viel auf dem Spiel steht. Der nächste Film, ein wichtiger Kontakt, der Erfolg, die Aufmerksamkeit der Welt. Wer einfach nur einen Film sehen will, kriegt in Cannes keine Karten. Jeder, der hier im Kino sitzt, gehört irgendwo in der langen Nahrungskette des Geschäfts dazu.

          Verena Lueken
          Freie Autorin im Feuilleton.

          Eines gibt es also nicht: den Zuschauer. Er tritt hier nur als Fan und Autogrammjäger in Erscheinung. Würde dieser Fan soweit gehen, sich die Krankheiten seines Idols zu holen? Für die Viren der Stars zu bezahlen? Sein Gesicht mit Herpes an derselben Stelle infizieren zu lassen, an der auch seine Angebetete einmal Pickel hatte? Brandon Cronenberg, der Sohn von David Cronenberg, hat in seinem Debütfilm „Antiviral“ (in der offiziellen Nebenreihe Uncertainregard) dieses Szenario vorgeführt - eine Welt des Celebrity-Wahns, die außerordentlich unappetitliche Züge annimmt. Dass die Viren an einzelne Interessenten verkauft werden können, statt sich durch Ansteckung einfach zu verbreiten, verdankt sich übrigens einem elaborierten Kopierschutz. In Brandon Cronenbergs Zukunft ist der Streit ums Urheberrecht entschieden.

          Am Wochenende wurde dem Publikum schon mal der Mund mit kommenden Attraktionen wässrig gemacht. Nicht jeder Film, der hier gezeigt wird, hat ja automatisch auch einen nahen Kinostart. Der dritte Teil der animierten „Madagaskar“-Serie wohl. Sein Siegeszug durch die Mulitiplexe der Welt ist so gut wie sicher. Jessica Chastain, die eine der Rollen spricht, stieg strahlend ganz in Weiß die rot belegte Treppe zum Festivalpalast hoch, wissend, dass sie am nächsten Tag für die Wettbewerbs-Premiere von John Hillcoats Prohibitionsepos „Lawless“ noch einmal dran sein würde. In „Madagaskar“ ist sie nicht zu sehen, aber in „Lawless“ sieht sie aus wie ein Filmstar, obwohl sie eine Kellnerin spielt, und man fragt sich, was sie nach Virginia, ins Land der Schnapsbrenner während der Prohibition verschlagen hat. Es ist das einzige Rätsel des Films. Der Rest ist sterile, immer wieder einmal in unfassliche Brutalität umschlagende Routine - ein verwässertes Genredestillat, bei dem man wünschte, stattdessen in der Aufführung der Viereinhalbstunden-Fassung von Sergio Leones „Once Upon a Time in America“ gesessen zu haben, einem sichtbaren Vorbild.

          Sextourismus weißer Frauen

          Aber auch Filme wie Ulrich Seidls „Paradies: Liebe“ (der erste Teil einer Trilogie) gehörenins Reich der Kinoillusionen von Cannes. Seidl ist der Fall des Regisseurs, der unbeirrt vom Kassenergebnis weiter die Filme dreht, die er drehen will. Bei ihm sind das auf harter Recherche gründende Fiktionen vom scheußlichen Leben. Sextourismus weißer Frauen in Kenia war es diesmal. Doch Seidl beginnt erstmal mit einem anderen Schock: einer großartigen Szene mit einer Behindertengruppe beim Autoscooterrempeln, vital, voller Angstlust, Jauchzen und Aggressionsfreude. Und beginnt dann später noch einmal mit einem fast bewegungslosen Tableau von drei Schwarzen, die mit langen Schiebern zum Saubermachen durch den Hotelpool waten. Man muss die Hauptdarstellerin Margarethe Tiesel für ihre Furchtlosigheit bewundern, mit der sie die Rolle der etwa fünfundfünfzigjährigen dicken Teresa spielt, die ausgehungert nach dem Gefühl, begehrt zu werden, in das Flamingo Ressort reist, wo bereits einige andere Europäerinnen Quartiert bezogen haben.

          Hier kann sie kaufen, wofür sie zu Hause niemand mehr will. Sex, und zwar bei den schwarzen Strandjungen, die dafür nicht schlecht bezahlt werden wollen. Seidl ist ein Regisseur, der uns alles zeigt - weißes welkes Fleisch und schwarze glatte Haut, der Geschlechtsteile ins Bild rückt, und sie in der unangenehmsten Szene mit einer rosa Schleife schmückt. Man schaut da nicht gerne zu. Windet sich im Kinosessel, wenn Teresa und eine Freundin versuchen, dem schwarzen Barmann das Wort „Speckschwarte“ beizubringen, weil sein Gesicht glänzt. Aber am Ende hat Seidl doch etwas Erstaunliches geschafft - eine Sehnsucht, die in Ausbeutungsverhältnissen gefangen bleibt, nicht herunterzumachen.

          Unsentimentale Zärtlichkeit

          Michael Hanekes Film, der auch von der Liebe spricht, ist einer der Filme, die mit hoher Spannung erwartet wurden. „Liebe“ heißt er einfach, und Liebe zeigt er in einem Ausmaß von Unsentimentalität, das bei Haneke nicht überrascht, und einem Ausmaß an Zärtlichkeit, das einen bei diesem Regisseur trifft wie ein Hammerschlag. Ein altes Paar in Paris, beide einmal Musiklehrer, gespielt von Jean-Loius Trintignant und Emmanuelle Riva. George und Anne. Anne erleidet einen Schlaganfall, aus der Klinik kommt sie im Rollstuhl nach Hause. George versorgt sie, erst allein, dann mit Hilfe einer, schließlich zwei Pflegerinnen. Eva, die Tochter (Isabelle Huppert), kommt zu Besuch, sie versteht nicht, was vor sich geht. Dass dies das Altern ist, nicht etwas, das zu ändern wäre.

          Was von der Liebe bleibt

          „Du lebst Dein Leben“, sagt George, „lass uns das unsere.“ Ein ehemaliger Schüler, der als Konzertpianist sehr erfolgreich ist, bringt Blumen. Dann kommt der zweite Schlaganfall. Streckübungen, Schnabeltassen, Stöhnen, langer Schlaf. Einmal versucht George, mit Anne „Sur le pont d’Avignon“ zu singen. Er erzählt ihr Geschichten. Er läßt sie in Ruhe. „Wie soll es weitergehen“, fragt Eva, und George sagt: „Wir wechseln Windeln. Wir üben sprechen, manchmal singen wir. Manchmal gelingt es mir, sie zu überzeugen, etwas zu trinken oder zu essen. Manchmal gelingt mir das nicht. Manchmal lacht sie. Dann weint sie wieder, ruft um Hilfe. Nichts davon ist es wert, gezeigt zu werden.“

          Diskret zeigt uns Haneke aber, was in alldem an Intimität bleibt, gerettet aus der Erinnerung und lebendig geblieben in einer Berührung, einem Blick, dem Respekt, einander allein zu lassen. Kein Blutbad hat bisher das Entsetzen auf die Gesichter der zweitausenddreihundert Zuschauer gezeichnet, das Haneke mit einer Szene, in der Anne geduscht wird, bei ihnen auslöste. Jeder ahnte, dass er in seine eigene Zukunft blickt.

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