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Festival in Cannes : Von Strandjungen und Schnabeltassen

Sextourismus weißer Frauen

Aber auch Filme wie Ulrich Seidls „Paradies: Liebe“ (der erste Teil einer Trilogie) gehörenins Reich der Kinoillusionen von Cannes. Seidl ist der Fall des Regisseurs, der unbeirrt vom Kassenergebnis weiter die Filme dreht, die er drehen will. Bei ihm sind das auf harter Recherche gründende Fiktionen vom scheußlichen Leben. Sextourismus weißer Frauen in Kenia war es diesmal. Doch Seidl beginnt erstmal mit einem anderen Schock: einer großartigen Szene mit einer Behindertengruppe beim Autoscooterrempeln, vital, voller Angstlust, Jauchzen und Aggressionsfreude. Und beginnt dann später noch einmal mit einem fast bewegungslosen Tableau von drei Schwarzen, die mit langen Schiebern zum Saubermachen durch den Hotelpool waten. Man muss die Hauptdarstellerin Margarethe Tiesel für ihre Furchtlosigheit bewundern, mit der sie die Rolle der etwa fünfundfünfzigjährigen dicken Teresa spielt, die ausgehungert nach dem Gefühl, begehrt zu werden, in das Flamingo Ressort reist, wo bereits einige andere Europäerinnen Quartiert bezogen haben.

Hier kann sie kaufen, wofür sie zu Hause niemand mehr will. Sex, und zwar bei den schwarzen Strandjungen, die dafür nicht schlecht bezahlt werden wollen. Seidl ist ein Regisseur, der uns alles zeigt - weißes welkes Fleisch und schwarze glatte Haut, der Geschlechtsteile ins Bild rückt, und sie in der unangenehmsten Szene mit einer rosa Schleife schmückt. Man schaut da nicht gerne zu. Windet sich im Kinosessel, wenn Teresa und eine Freundin versuchen, dem schwarzen Barmann das Wort „Speckschwarte“ beizubringen, weil sein Gesicht glänzt. Aber am Ende hat Seidl doch etwas Erstaunliches geschafft - eine Sehnsucht, die in Ausbeutungsverhältnissen gefangen bleibt, nicht herunterzumachen.

Unsentimentale Zärtlichkeit

Michael Hanekes Film, der auch von der Liebe spricht, ist einer der Filme, die mit hoher Spannung erwartet wurden. „Liebe“ heißt er einfach, und Liebe zeigt er in einem Ausmaß von Unsentimentalität, das bei Haneke nicht überrascht, und einem Ausmaß an Zärtlichkeit, das einen bei diesem Regisseur trifft wie ein Hammerschlag. Ein altes Paar in Paris, beide einmal Musiklehrer, gespielt von Jean-Loius Trintignant und Emmanuelle Riva. George und Anne. Anne erleidet einen Schlaganfall, aus der Klinik kommt sie im Rollstuhl nach Hause. George versorgt sie, erst allein, dann mit Hilfe einer, schließlich zwei Pflegerinnen. Eva, die Tochter (Isabelle Huppert), kommt zu Besuch, sie versteht nicht, was vor sich geht. Dass dies das Altern ist, nicht etwas, das zu ändern wäre.

Was von der Liebe bleibt

„Du lebst Dein Leben“, sagt George, „lass uns das unsere.“ Ein ehemaliger Schüler, der als Konzertpianist sehr erfolgreich ist, bringt Blumen. Dann kommt der zweite Schlaganfall. Streckübungen, Schnabeltassen, Stöhnen, langer Schlaf. Einmal versucht George, mit Anne „Sur le pont d’Avignon“ zu singen. Er erzählt ihr Geschichten. Er läßt sie in Ruhe. „Wie soll es weitergehen“, fragt Eva, und George sagt: „Wir wechseln Windeln. Wir üben sprechen, manchmal singen wir. Manchmal gelingt es mir, sie zu überzeugen, etwas zu trinken oder zu essen. Manchmal gelingt mir das nicht. Manchmal lacht sie. Dann weint sie wieder, ruft um Hilfe. Nichts davon ist es wert, gezeigt zu werden.“

Diskret zeigt uns Haneke aber, was in alldem an Intimität bleibt, gerettet aus der Erinnerung und lebendig geblieben in einer Berührung, einem Blick, dem Respekt, einander allein zu lassen. Kein Blutbad hat bisher das Entsetzen auf die Gesichter der zweitausenddreihundert Zuschauer gezeichnet, das Haneke mit einer Szene, in der Anne geduscht wird, bei ihnen auslöste. Jeder ahnte, dass er in seine eigene Zukunft blickt.

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