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Cannabis als Ausweg : Sorry, Notlage

Die Schulden durch Anbau abbauen: Eine spanische Neunhundert-Seelen-Gemeinde könnte ihre Dorfkasse tatsächlich mit Drogenverkauf aufbessern. Das ist keine neue Idee. Die Fernsehwelt macht es vor.

          Dass Spanier ihre Wohnungen verkaufen müssen und wieder bei Mama unterkriechen, daran haben wir uns gewöhnt. Auch dass der Kündigungsschutz gelockert, das Arbeitslosengeld gekürzt und Museen geschlossen werden. Spanien steckt in der Krise, schon klar. Irgendwie verständlich also, was das katalanische Dorf Rasquera jetzt per Referendum beschlossen hat: gleich am Ortsrand Cannabis anzubauen. Wie soll die Neunhundert-Seelen-Gemeinde denn sonst von ihren 1,3 Millionen Euro Schulden herunterkommen?

          Die Bevölkerung ist allerdings gespalten: 56 Prozent haben sich für, 44 Prozent gegen den Anbau ausgesprochen. Ein Verein aus Barcelona, der „Cannabis zum Selbstverbrauch“ auf seine Fahnen geschrieben hat, will die Droge abnehmen. In zwei Jahren könnte Rasquera schuldenfrei sein. Ein Bewohner sagt, er finde das nicht gut, aber wenn man es nicht täte, übernähme den Job ein Nachbardorf. Bitte?, wollten wir dazwischenrufen. Wird hier gar keine Moraldebatte geführt?

          Vom harten Alkohol am Morgen

          Aber dann ging uns auf, dass unsere Welt im Großen genauso funktioniert. Seit Jahren sehen wir ein Drogendrama nach dem anderen, von „Traffic“ bis zu „21 Gramm“. Auch im Oscar-gekrönten Film „American Beauty“ spielen Drogen eine wichtige Rolle. Der Rausch und sein Preis, sie beschäftigen uns, sie liefern uns das eigene Abbild. Die besten Fernsehserien sind von dem Thema buchstäblich gekapert worden. Auf die „Sopranos“ folgte „Wired“, eine Serie, die planmäßig die Grenzen zwischen Drogenverbrechern und Gesetzeshütern verwischt.

          In „Mad Men“ sehen wir gepflegte Leute, die sich schon morgens im Büro mit hartem Alkohol zuschütten und nicht einmal die Couch des Psychiaters ohne Zigarette überstehen. Und die Serie „Breaking Bad“, deren Hauptdarsteller Bryan Cranston schon dreimal hintereinander den wichtigsten Fernsehpreis der Welt gewonnen hat, liefert geradezu das Modell für unser kleines katalanisches Dorf: Ein Chemielehrer wird aus Not zum Drogenkocher, weil er seine Krebstherapie bezahlen muss und eine Familie zu versorgen hat.

          Was zuerst da war, die Wirklichkeit oder das Fernsehen, ist dabei nicht die Frage. Sondern eher, was wir sehen, wenn wir nach draußen schauen, und mit welchen Geschichten wir uns in der Freizeit unterhalten. Die „New York Times“ bezeichnete „Breaking Bad“ als Serie für das Zeitalter der großen Rezession: Wem das Wasser bis zum Hals steht, der riskiert alles. Der Drehbeginn in Rasquera steht noch nicht fest.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

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