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„Campus Party“ in Berlin : Die wollen nur spielen

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Tim Berners-Lee auf der „Campus Party“ in Berlin Bild: Peter Zschunke/dpa

Mehrere tausend Technikfreaks trafen sich im ehemaligen Flughafen Tempelhof in Berlin zum Frickeln, Tim Berners-Lee, der „Vater des WWW“, hielt eine Rede auf den freien Netzgeist. Wie verbreitet ist der noch?

          Da steht er nun, der Vater des Internets, und hebt den Zeigefinger. Nur ganz zaghaft, als halte er nichts von dieser Rolle und käme doch momentan nicht umhin. Denn die Verhältnisse im Netz, die sind nicht so. „Mischt Euch ein!“, ruft Tim Berners-Lee den vielen jungen Leuten im Publikum zu. Das klingt fast hesselesk. „Teilt Eure Ideen mit anderen und baut gemeinsam etwas auf!“ Und: „Setzt den Monopolisten im Netz etwas entgegen!“

          Auch ein so junges Gebilde wie die sogenannte Netz- und Computergemeinschaft, die sich vergangene Woche in Berlin zur „Campus Party“ auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof versammelte, hat schon ihre ersten Veteranen, Mahner und Moralisten. Tim Berners-Lee, 57 Jahre, schwarzes Hemd zu Bluejeans, gehört definitiv dazu. Zum Abschluss der Party bekamen die 10 000 Computerfreunde und -freaks aus ganz Europa, die ihre Technikleidenschaft knapp eine Woche lang auf unterschiedlichste Weise ausleben durften, von ihm etwas zum Nachdenken mit auf den Heimweg.

          Der Physiker spricht von Werten und Verantwortung, beschwört den offenen Geist des Internets, den er in einer von iTunes-Inseln und Facebook-Silos zerklüfteten Netzwelt längst verlorengegangen sieht. Wenn nicht mehr alle Nutzer auf eine Website zugreifen und nach Belieben ihre Links und Kommentare setzen können, um ihre Ideen einzubringen - dann ist diese Netzwelt für Berners-Lee nicht das Internet, wie er es einst entscheidend mitgeprägt hat. Damals, vor zwanzig Jahren, als der Brite seinen Kollegen am Europäischen Forschungszentrum Cern vorschlug, mit einem Hypertext Transfer Protocol (http) zu arbeiten, um die vielen Cern-Rechner an ihren unterschiedlichen Standorten miteinander zu vernetzen. Jedes Dokument bekam eine klar definierte Adresse und ließ sich so eindeutig im Netz finden, verfasst in einer relativ leicht erlernbaren Programmiersprache - auch beim HTML hatte Berners-Lee seine Finger mit im Spiel. Daher sein Beiname als „Vater des World Wide Web“ - den der so gelobte aber eigentlich gar nicht akzeptiert.

          Wie Opa im Schaukelstuhl

          Denn die Entstehung des Internets ist - zumindest im Narrativ seiner Pioniere - nicht an die Weitsicht bestimmter Einzelpersonen gebunden, sondern die Summe vieler Teile unterschiedlichster Aktivitäten, Eingebungen und Ideen aus aller Welt, die in den Worten Berners-Lee zusammengerührt und geschmolzen werden, bis sich dann eine neue Form herauskristallisiert - das Internet, der Browser, die E-Mails etc. Der Physiker Berners-Lee ist angetreten, um dieses Selbstverständnis in die Netzwelt des 21. Jahrhunderts hinüberzuretten: freier Netzgeist und offene Systeme anstelle von geschlossenen.

          Blickt man auf die Branchenmonopolisten wie Apple, die sich die Schaffung abgeschotteter Shops zur lukrativen Aufgabe gemacht haben, oder auf die Welt der mobilen Apps mit ihren maßgeschneiderten Angeboten für den Privatgebrauch - auf die Entwicklung browserfreier Systeme, die zum Teil nicht mehr miteinander kommunizieren, dann ist Berners-Lees Moral erst einmal ähnlich anachronistisch wie der Ort, an dem die Party stattfindet und die Technikfreaks für sechs Tage ihre Rechner aufgestellt haben. Flughafen Tempelhof, dieser stillgelegte Herrschaftsbau aus den dreißiger Jahren, der ein oder andere Reichsadler ziert noch die Fassade. Redet Berners-Lee hier vom freien Netzgeist, dann ist das, als wenn Opa sich im Schaukelstuhl zurücklehnt und von den Rosinenbombern parliert.

          Die Daniel Düsentriebs und die Spieler

          Andererseits existieren ja tatsächlich technische Standards, welche die zerklüftete Computerwelt wieder zusammenführen könnten. So plädiert Barners-Lee dafür, HTML 5, die jüngste Version des Hypertext-Standards für Internetseiten, auch für Apps zu nutzen, die dann so funktionieren können wie offene Websites, auf die alle Zugriff haben. Diesen Geist findet man auf der „Campus Party“ übrigens durchaus noch vor. Da sind die Frickler, die sich Tage damit befassen, Roboter aus Eisstäbchen und Plastikbechern zu bauen, für die eine Party erst in Schwung kommt, wenn man es gemeinsam geschafft hat, einen Monsterfänger zu bauen, der vor dem Schlafengehen unliebsame Phantasiegestalten einfängt, während sie über die Spieler am anderen Ende des Hangars, die in sagenhafter Geschwindigkeit bei den 3D-Games alle Rekorde brechen, die Nase rümpfen - genauso wie über die Tatsache, dass die Campus Party von großen Branchenunternehmen wie der spanischen Telefongesellschaft oder O2 gesponsert wird.

          Das Feld der Geeks und Nerds ist eben viel ausdifferenzierter, als man es Menschen mit einer Computeraffinität von außen gern zuschreibt. Vielleicht ist die einzige Gemeinsamkeit all dieser Leute, dass sie Programmiersprache nicht als eine Aneinanderreihung von Hieroglyphen beschreiben würden. Die einen sind eher die Daniel Düsentriebs der Szene, die anderen wollen nur spielen. „Am Computer sitzen ist nicht gleich am Computer sitzen“, sagt einer der Roboter-Tüftler. Das klingt ganz nach Berners-Lee, der vor einigen Jahren sagte: „Technik kann immer so oder so genutzt werden.“ Deshalb bleibt zumindest die Zukunft des Internets weiter offen.

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