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Sommerhit „Señorita“ : Tanzen mit dem Gringo

  • -Aktualisiert am

Camila Cabello und Shawn Mendes mitten in ihrem Sommerhit. Bild: Shawn Mendes/ UMG

Für dreieinhalb Minuten ist die Welt der erodierenden Geschlechterrollen wieder in Ordnung: Camila Cabello singt in „Señorita“, wie schön es wäre, einfach nur Fräulein zu sein. Es kommt anders.

          Gott sei Dank, der Sommerhit ist da, gerade rechtzeitig zur sinnvernebelnden Ferienhitze wurde er fertig, und die Welt der erodierenden Geschlechterrollen ist für dreieinhalb Minuten wieder in Ordnung: Die Kubanerin Camila Cabello und der Kanadier Shawn Mendes singen „Señorita“. Ihre Blicke treffen sich im Schnellrestaurant, wo sie bedient und gleich weiß, dass sie besser davonlaufen sollte oder jedenfalls so tun, als wäre sie auf diesen Jungen mit dem Schafsblick, der ihr schlaflose Nächte bereiten wird, nicht angewiesen.

          Doch es ist augenfällig, das kann nicht gelingen. Jede Berührung entlockt ihr ein „ooh lalala“ – mit einem Gringo lässt es sich als Kubanerin vorzüglich tanzen, und in einem einsamen Apartment gibt es nichts anderes zu tun, als sich nach ebenjenem zu verzehren. Es musste schnell gehen mit dem Hit, sie kam dann doch überraschend, die Sommerhitze, und während man sich in Lateinamerika zu Beginn der Frauenfußball-WM noch mit der geringen Wertschätzung und den schlechten Arbeitsbedingungen von Profifußballerinnen beschäftigte, drohte sich Europa in Diskussionen über verheizte Spitzenpolitikerinnen zu verzetteln, was nun wirklich keine schönen Sommerthemen sind, ganz gleich für welches Geschlecht.

          Gut, dass der Algorithmus bereits programmiert war, der die Erstellung des Sommerhitvokabulars übernehmen sollte: Die Begriffe Miami, Schweiß, Mondlicht, Sand, Körper, Tanzen und Tequila wurden in Satzstrukturen gegossen, und 30 Millionen Streams auf Spotify belegten fortan ihre Daseinsberechtigung. In Nordamerika, Großbritannien, den Niederlanden, Australien, Indien und Polen steht „Señorita“ nun auf Platz eins der Spotify-Charts. In Deutschland hat es bislang nur für Rang vier gereicht, was womöglich damit zu tun hat, dass der Begriff Fräulein auch unter den gestrigsten aller gestrigen Talkshowmoderatoren in Misskredit geraten ist, Camila Cabello aber davon singt, wie großartig es ist, so genannt zu werden.

          Nun liegen die Dinge in Lateinamerika ein wenig anders, eine Frau unter vierzig Señora zu nennen wäre für viele, verheiratet oder nicht, eine grobe Beleidigung, Señorita hingegen hat etwas Verniedlichendes, Symbolgeladenes. Dazwischen gibt es nichts. Paul Simon sang deshalb seit jeher bevorzugt von Señoritas statt von der steifen Miss, was ihm 1986 noch niemand übelnahm, vierzehn Jahre später dann schon eher, jedenfalls, bevor die Sekundärliteratur ergründete, dass es sich bei der Señorita natürlich um Simons Gitarre handelte, deren Form ja bekanntlich dem Körper einer Frau ähneln soll.

          Ob sich Camila Cabello mit den Bedeutungsebenen ihres Señorita-Wunsches beschäftigt hat, ist nicht überliefert. Dafür ein Video, in dem Mendes sie beim Tanzen fallen lässt. Kein Verlass mehr auf die Fräuleinprivilegien.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

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