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„Call the Midwife“ bei ZDFneo : Für den Nachwuchs ist gesorgt

Spaß auf dem Weg zum Arbeitsplatz: Die Hebamme Jenny (Jessica Raine, Mitte) und ihre Kolleginnen verstehen sich auch auf die Medizin der guten Laune. Bild: BBC/Neal Street Productions

Toppte bei BBC sogar den Erfolg von „Downton Abbey“: Die Serie „Call the Midwife“ spielt im Jahr 1957, handelt von einer jungen Hebamme und zeigt das gute, alte England.

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          Es gab eine Zeit, in der das Londoner East End noch nicht aus veganen Sandwichläden und sorgfältig kuratierten Secondhand-Boutiquen im Loft-Stil bestand. Vor wenigen Jahrzehnten noch herrschten dort Zustände wie in Dickens-Romanen: schlammige, steinige Straßen, in jeder schlecht beleuchteten Gasse drei schlecht gewaschene Prostituierte, Familien, die die Kinder gleich im Dutzend auf die Welt bringen, und Hygieneverhältnisse, in denen der Tripper blüht. Die Wäsche kann gar nicht so schnell auf der Leine trocknen, wie sie im Kohlequalm der Züge und Kraftwerke wieder schwarz wird. Und der Polizist, der sich zwischen Hinterhöfen und Ziegelmauern wacker um Ansätze von Ordnung bemüht, duzt sich mit allen üblichen Verdächtigen und weiß, was jeder auf dem Kerbholz hat.

          In diese Gegend bewirbt sich im Jahr 1957 die junge Hebamme Jenny Lee (Jessica Raine), die in Wirklichkeit Jennifer Worth hieß und der Nachwelt ihre Autobiographie in drei Bänden vermachte. Auf diesen Büchern beruht die Serie „Call the Midwife“ – zu Deutsch: Ruf die Hebamme –, die der BBC1 sonntagabends großen Erfolg bescherte und sogar die Zuschauerquoten des Adelsepos „Downton Abbey“ überflügelte, das zur selben Zeit läuft.

          Das ist kein Wunder, denn „Call the Midwife“ hat alles, was eine nicht ganz seichte, aber auch nicht allzu fordernde Abendunterhaltung braucht: existentielles Drama, zwischenmenschliche Wärme, ein bisschen Nostalgie. Ab und zu tropft ein bisschen Blut, wenn es ans Eingemachte geht und Sturz- und Steißgeburten bewältigt sein wollen. Allerbestes Wohlfühlfernsehen in Tweedoptik also, etwa wie „Der Doktor und das liebe Vieh“ – auch diese Serie beruht auf einer dreibändigen Autobiographie –, nur mit echten Menschen. Und die sind trotz aller Widrigkeiten auch noch stets gutgekleidet und wohlonduliert.

          Noch sichtlich erschöpft ist Shirley Redmond (Emma Noakes, r.) nach der Geburt ihres Babys. Jenny Lee untersucht das Neugeborene. Bilderstrecke
          Noch sichtlich erschöpft ist Shirley Redmond (Emma Noakes, r.) nach der Geburt ihres Babys. Jenny Lee untersucht das Neugeborene. :

          Männer? Geht auch ohne

          Wir folgen also der Hebamme Jenny bei ihrem Berufseinstieg. Sie landet allerdings nicht in einem Privatkrankenhaus, wie sie sich das vorgestellt hatte, sondern in einer kirchlichen Institution, die von Nonnen geleitet wird. Die Klientel ist der Gegend entsprechend bunt gemischt: Von der schwangeren Prostituierten bis hin zur überforderten, nicht mehr ganz jungen Mehrfachmutter ist alles dabei. Wir werden mit Syphilissymptomen ebenso vertraut gemacht wie mit den abenteuerlichen Gerätschaften, die man zu dieser Zeit zur Geburtshilfe verwendete. Wie bei jeder anständigen Medizinerserie gibt es den festen Personalstamm plus wechselnder Patientenschicksale.

          Ungewöhnlich ist die Frauenquote: Oberinnen sind die Chefinnen von Schwestern, die wiederum Frauen beim Gebären helfen. Das führt zwangsläufig dazu, dass die Männer in der Serie zu Statisten werden. Ab und zu werden Ärzte oder Polizisten gebraucht, wenn es kompliziert oder dunkel wird, meist geht es aber ohne.

          Call the Midwife – Ruf des Lebens : Call the Midwife – Ruf des Lebens

          Auch konzipiert wurde diese Serie von einer Frau: Heidi Thomas gilt als Spezialistin für kostümierte Serienformate. Sie schrieb schon das Drehbuch für die Elisabeth-Gaskell-Verfilmung „Cranford“, im Jahr 2010 vertraute man ihr die Neuauflage des britischen Fernsehheiligtums „Upstairs Downstairs“ (deutsch: „Das Haus am Eaton Place“) an. Leider bringt man sich in der deutschen Synchronisation um die Vielfalt der Sprache, vom wunderbar derben Cockney der einfachen Leute bis hin zu Schwester Chummys Oberklassenenglisch – sie ist ja immerhin eine geborene Fortescue-Cholomondely-Browne! Eine solche Vielfalt sucht man im deutschen Fernsehen oftmals vergeblich.

          Bleibt zu bemerken, dass in nahezu jeder Folge das Loblied der staatlichen Gesundheitsfürsorge gesungen wird, die die medizinische Infrastruktur, welche die Schwestern ermöglichen, überhaupt erst finanziert und für die wenig begüterten Schichten des Armenviertels erreichbar macht. Eine Infrastruktur, die zurzeit von der Regierung Cameron drastisch zusammengestrichen wird. Und das verleiht dieser Serie, die so harmonisch und sepiafarben daherkommt, dann doch einen politischen Anstrich.

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