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„Call of Duty: Modern Warfare 2“ : Ich hatt' keinen Kameraden

  • -Aktualisiert am

4,7 Millionen Käufer am Tag seiner Veröffentlichung: „Call of Duty: Modern Warfare 2” Bild: AP

Das Weihnachtsgeschäft setzt auf den Krieg, von dem jetzt nicht die Großväter, sondern die Enkel erzählen: „Call of Duty: Modern Warfare 2“ ist das erfolgreichste Computerspiel unserer Tage und vielleicht sogar aller Zeiten.

          Wir leben nicht in den Nullerjahren des letzten Jahrhunderts. Niemand sehnt sich nach dem großen Knall. Es gibt keine Dichter, die sich Helme aufsetzen wollen, keine Plakatwerbung für Kriegsanleihen, keine überquellenden Arsenale. Stattdessen trostlose Berichte aus Kundus, die von Hinterhalten und überforderten Soldaten handeln.

          Trotzdem ist das erfolgreichste Computerspiel unserer Tage und vielleicht sogar aller Zeiten ein Kriegsspiel. Es heißt „Call of Duty: Modern Warfare 2“, und allein am Tag seiner Veröffentlichung wurden weltweit 4,7 Millionen Exemplare davon verkauft. Um einen vergleichbar blutigen Stoff heranzuziehen: Ernst Jüngers 1920 erschienene „Stahlgewitter“ kamen bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs auf gerade einmal 60.000.

          Im Weihnachtsgeschäft setzt die Spieleindustrie also diesmal aufs Kriegsgenre. Da ist mehr Umsatz zu machen als mit all den familientauglichen Sport- und Partyspielen, die in den letzten Jahren so hübsch als Zukunft der elektronischen Unterhaltung gepriesen wurden. Ganz offenbar zieht es die junge, digital geschulte Generation in die Schlacht - gegenläufig zur Politik, die längst über Exit-Strategien redet.

          Treue Kameraden: Erste Käufer des Spiels in Las Vegas, kurz nach Mitternacht am 10. November

          Verstoß gegen das Völkerrecht

          Müssen wir uns Sorgen machen? Hat der Geschichtsunterricht versagt? Ist womöglich sogar der Gerichtshof in Den Haag zuständig? Eine Studie der Schweizer Stiftung „Pro Juventute“ hat gerade allen Ernstes festgestellt, dass die Kriegshandlungen in „Call of Duty“ regelmäßig gegen das Völkerrecht verstoßen. Damit verleiht die Stiftung den Spielern den Rang echter Kombattanten, die sich, wenn sie ihre Konflikte schon nicht diplomatisch regeln, wenigstens an die Genfer Konventionen halten sollen.

          Dass die Wirklichkeit des Krieges dieses Korsett längst abgestreift hat, wissen zumindest die Spieler, die sich durch die seit 2003 veröffentlichte Serie „Call of Duty“ hindurchgekämpft haben. Anfangs schickte dieser klassische Ego-Shooter den Spieler an die Wendepunkte des Zweiten Weltkriegs, wo er als amerikanischer Infanterist in die Normandie einfiel, mit den Briten in El Alamein gegen Rommel kämpfte oder als Rotarmist Stalingrad zurückeroberte - alles vertretbare Ziele, von der Weltgeschichte mehr oder weniger ins Recht gesetzt.

          Mit der ersten Folge von „Call of Duty: Modern Warfare“, 2007 erschienen, sprang die Spieleserie dann in die Gegenwart der asymmetrischen Konflikte. Jetzt ging es plötzlich um schmutzige Spezialeinsätze gegen arabische Terroristen und russische Ultranationalisten, also um jene berüchtigten „Neuen Kriege“, über die Experten wie Herfried Münkler seit Ewigkeiten in Talkshows predigen, ohne dass es der Bundeswehr bei ihren Auslandseinsätzen spürbar geholfen hätte.

          Wie bei Scholl-Latour

          Auch „Modern Warfare 2“ taugt kaum zur Hebung der Truppenmoral - denn hier bricht den Neuen Kriegen das moralische Fundament weg, das in der letzten Folge noch trug. Schon der Vorspann zeigt einen in grüne Verwirrlinien eingewickelten Globus, zu dem geopolitische Weisheiten ertönen: „Die Feinde von gestern sind die Rekruten von heute.“ Oder: „Grenzen ändern sich, neue Mitspieler erscheinen, aber Macht findet immer einen Ort.“ Das alles könnte einem auch Peter Scholl-Latour erzählen, und die ersten Kapitel des Spiels folgen den gewohnten Bahnen. Als Mitglied der US Army Rangers in Afghanistan bekommt man eine flüchtige Ausbildung am Schießstand und auf dem Übungsplatz. Immerhin gelten hier die Rechtsnormen des Genfer Abkommens. Feuert man mit dem Sturmgewehr auf einen Blechkameraden, der keine Waffe trägt, bellt der Sergeant: „Sie haben einen Zivilisten getötet, letzte Warnung!“

          Auf der Fahrt in eine namenlose Stadt geht die Infiltration durch eine rauhe Männerstimme weiter: „Wir können euch keinen Frieden geben, aber wir können euch zeigen, wie ihr ihn herbeiführt. Und das ist mehr wert als eine ganze Armee aus Stahl.“ Ist das noch Frank-Walter Steinmeier, nachdem er mit rostigen Nägeln gegurgelt hat? Oder sind wir gekommen, um Volkshochschulkurse zu geben? Die Fahrt durch die staubigen Straßen, wo wir im blendenden Gegenlicht feindselige Gestalten auf den Balkonen sehen, belehrt uns schnell eines Besseren: In einem hyperrealistischen Chaos, durch das Kommandos wie „Achtung, auf 1 Uhr!“ und „Behalten Sie die Schule im Auge!“ schwirren, geht es nur noch ums nackte Überleben, und Blut spritzt von innen gegen den Monitor, als wäre es Kirschsaft.

          Seltsame Metamorphose

          Doch „Modern Warfare 2“ ist nicht einfach ein Lehrvideo für angehende Verteidigungsminister. Schon bald beginnt eine seltsame Metamorphose des Helden, der von der CIA rekrutiert wird und die Türme des Kremls auf seine Brust tätowiert bekommt - um ins Netzwerk des russischen Topterroristen Makarow eingeschleust zu werden. Und so findet sich der Spieler plötzlich auf jenem umstrittenen Level wieder, das die Legitimität des Spiels, das hier gespielt wird, in Frage stellt.

          Im Kapitel „Kein Russisch“, das in Russland zeitweise zum Verbot des Spiels führte, muss der V-Mann an der Seite von Makarow durch einen Flughafen laufen, der zwar Zakhaev International Airport heißt, aber klar als Moskau-Scheremetjewo zu erkennen ist. Auf den Abflugtafeln stehen Flüge nach Barcelona und Amsterdam, der „Burger King“ heißt „Burger Town“, und Makarow beginnt mit seinen Helfern ein Massaker, bei dem Hunderte von Fluggästen sterben. In der deutschen Fassung darf der Spieler an der Aktion nicht mitwirken. Das macht die Sache erträglicher und nähert das Erlebnis einem Hollywoodfilm an; andererseits verstößt es gegen die Logik der Handlung, da ja durch die Zurückhaltung die Tarnung des Doppelagenten auffliegen müsste. Sowieso fragt man sich sofort, welchen Sinn ein Geheimdiensteinsatz haben soll, bei dem ein Massenmord in Kauf genommen werden muss. Denn das Schießen auf die Terroristen führt ebenso zum Abbruch wie das Feuern auf Zivilisten.

          Auslöser für den Dritten Weltkrieg

          Die Empörung über dieses Level ist nachvollziehbar. Sie unterschlägt aber das Ende der Szene, an welchem der Spieler, gleichsam als Strafe für sein erbärmliches Mitläufertum, von Makarow erschossen wird. Der schiebt den Anschlag so dem ausländischen Geheimdienst in die Schuhe, was wiederum den Auslöser für einen Dritten Weltkrieg abgibt. Tatsächlich steckt hinter dem Einsatzbefehl ein amerikanischer Kommandant, der einen Privatfeldzug führt. So zieht das Flughafenlevel dem Spieler in jeder Hinsicht den Boden unter den Füßen weg.

          Danach gilt es zu retten, was zu retten ist - mit Schießereien in den Favelas von Rio de Janeiro, Kämpfen gegen russische Fallschirmspringer in Virginia, einer auf die Raumstation ISS umgelenkten Atomrakete und der Befreiung eines GULags. Dabei helfen Schneemobile und Herzschlagsensoren, holographische Sichtgeräte und ACS-Module, wozu auch immer die gut sind. Glaubwürdiger ist ein James-Bond-Film auch nicht.

          Kriegsbegeisterung schürt „Modern Warfare 2“, wo der Endgegner der eigene Kommandant ist, trotzdem nicht; nicht mehr jedenfalls, als es Filme wie „Apocalypse Now“ oder „Platoon“ einst taten. Die Absurdität, die schon im Ersten Weltkrieg erfahrbar wurde, als alle moralischen Unterschiede im Schlamm der Kraterlandschaften versanken - diese Absurdität hat auch die Kriegsspiele eingeholt.

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