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Bushido macht weiter : Die Drogeriekette hat das Nachsehen

  • -Aktualisiert am

Sprache ist ein scharfes Schwert: Der Gangster-Rapper Bushido posiert mal wieder. Bild: Foto Aslan

Hier versagt das lyrische Ich, denn es macht „Probleme wie der Nahostkonflikt“. Bushidos neues „Album“ setzt einen Tiefpunkt an textlicher und musikalischer Rohheit.

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          Für Satiresendungen stellt Bushido ein Problem dar: Seine Gangsterrap-Texte sind im Grunde nicht parodierbar, weil sie selbst schon wie die reine Parodie klingen. Wie sonst soll man es auffassen, wenn einer „Taliban“ auf „Marzipan“ reimt? „Ab jetzt ficke ich dein Dasein, du Bastard!“, „Ich weiß, für jeden Menschen ist der Tod ein Kompromiss.“

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Wenn man Bushido-Texte nur auf dem Papier liest, wird ihre Komik sogar noch größer, dann stellt man sich bei Drohungen wie „Ich hab’ Chemowaffen bei“ eher einen Ruhrpottcomedian vor als einen Berliner Gangster.

          Das alte Spiel mit der Kunstfreiheit

          Auf dem neuen Album „Sonny Black“ (Ersguterjunge/Sony), das am Freitag, dem 14. Februar, veröffentlicht wurde, geht es gerade so weiter: „Brandneue Amex/ Zahnstocher sitzt/ Ich mach’ Probleme wie der Nahostkonflikt“. Songs heißen „Baseballschläger“ oder „Messerstecherei“. Wollte man sie nur gewissermaßen kalt-philologisch analysieren, könnte man sie als Genredichtung abstempeln, so wie der Kolportageroman des neunzehnten Jahrhunderts oder Schlager von Helene Fischer welche sind.

          Und genauso scheint Bushido ja auch selbst damit umzugehen, wenn man ihm etwa den Aufruf zur Gewalt, gar zum Mord an Politikern unterstellt wie vergangenen Sommer, als er in seinem Song „Stress ohne Grund“ rappte: „Ich schieß’ auf Claudia Roth, und sie hat Löcher wie ein Golfplatz.“ Dann sagt der Rapper später dazu, er schieße, wenn überhaupt, nur mit Worten, und die Sache scheint erledigt.

          Es ist das alte Spiel mit der Kunstfreiheit, und Bushido spielt es schon eine ganze Weile. Einmal landet etwas auf dem Index, ein anderes Mal geht es als Fiktion im Rahmen von Rap-Rollenprosa durch. Nichts Neues unter der Sonne, in Amerika gibt es das alles schon viel länger, heißt es dann oft.

          Die Gangster-Wut der Fans

          Aber ganz so kalt kann man die Sache eben doch nicht betrachten, und zwar nicht nur, weil Bushidos Person dann gelegentlich sehr wohl in der Rolle aufzugehen scheint, wie eine aufsehenerregende Reportage im „Stern“ über seine Verbindungen zur libanesischen Mafia nahelegte oder eine jüngst gegen ihn erhobene Anklage wegen Körperverletzung.

          Man kann die Sache nicht so kalt betrachten, weil Gangsterrap auch ein Rezeptionsphänomen ist. Seine Sprache und seine Gesten sinken ein, sie hinterlassen Spuren, werden nicht nur ironisch verstanden, sondern auch gelebt. Ansatzweise kann man das an dem Shitstorm im Internet ablesen, den Bushido-Fans nun auf eine Drogeriekette regnen ließen, weil die das neue Album nicht verkaufen will.

          Natürlich kann man da auch wieder sagen: Das sind ja nur Worte. Aber es sind sehr hässliche Worte, so wie fast alle auf dem neuen Album, das an Rohheit kaum noch zu überbieten ist. Und dann gibt es noch die Bilder aus Bushidos Videos, etwa eine gespielte Hinrichtung. Und aufgrund all dessen ist es eben doch unglaublich peinlich, dass man diesem Bushido einmal den „Integrations-Bambi“ verlieh oder Politiker mit ihm auf Fotos lächelten.

          Viele Eltern werden wohl ratlos dastehen, wenn sie die folgenden Zeilen aus dem Mund ihres zwölfjährigen Kindes hören: „Ich zerfleisch’ dich und verbrenne deine Leichenreste“, „Keine Toleranz für euch Homo-Boys“, „Kill Sarrazin“. Das sind alles Zitate vom neuen Bushido-Album. Sind natürlich alle nicht ernst gemeint.

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