https://www.faz.net/-gqz-7ubam

Schriftsteller John Burnside : Schottland braucht, was jedes Volk Europas braucht

  • -Aktualisiert am

Schotte, Schriftsteller, Skeptiker: John Burnside, Jahrgang 1955. Zuletzt erschien sein Roman „Haus der Stimmen“. Bild: Fricke, Helmut

Nach der Abstimmung kann nur ein radikaler Wandel des politischen Systems zum Ziel führen. Die Schotten müssen lernen, weiterhin „Nein“ zu sagen.

          „Die Frage, was bei uns alles falsch läuft, ist sehr leicht zu beantworten“, schrieb Gore Vidal im Jahr 1992. „Nicht so leicht zu beantworten ist die Frage, wie das, was falsch gelaufen ist, korrigiert werden kann.“ Natürlich sprach Vidal von den Vereinigten Staaten, aber seine Worte treffen eigentümlicherweise auch auf Schottland zu. Für alles, was bei uns falsch läuft, haben wir Schotten immer eine simple Erklärung parat. Diese Erklärung heißt, kurz gesagt, England - und so bestand die Lösung unserer zahlreichen Probleme logischerweise darin, das englische Joch abzuschütteln und unseren eigenen Weg zu gehen.

          Ein unabhängiges Schottland würde sich wie durch ein Wunder in ein freies und blühendes Land verwandeln. Sobald wir nicht mehr von Westminster regiert würden, wäre es unser Land, unsere Gesellschaft wäre gerechter, und die Erlöse aus den gigantischen Ölvorkommen in der Nordsee würden für Bildung, Gesundheit und die Künste aufgewendet sowie, das allergrößte Wunder, für eine Nationalmannschaft, die vielleicht sogar wieder einmal an einer Fußball-Weltmeisterschaft teilnehmen würde.

          Die Probleme liegen tiefer

          Heute ist dieser Traum fürs Erste ausgeträumt. Eine Mehrheit der Wähler hat die Frage „Soll Schottland ein unabhängiges Land werden?“ mit Nein beantwortet, und Alex Salmond, der seine Partei in die Niederlage geführt hat, entschloss sich zu einem honorigen Rücktritt. Manche würden sagen, dass es zu spät für honorige Gesten war, dass Salmond sich mit seinem ruppigen Politikverständnis, besonders in Sachen lokaler Selbstverwaltung und Ökologie, als ganz gewöhnlicher Politiker erwiesen hat (eine Charakterisierung, die für viele von uns fast schon eine Beleidigung ist, kaum besser als „Lakai der Wirtschaftsbosse“ oder „Lügenbold“), als ein Erster Minister, der sich bestens versteht mit „Freunden“ wie Rupert Murdoch, Fred Goodwin, Brian Souter, Jim McColl und Donald Trump (der nach Salmonds Rücktritt twitterte: „Das schottische Volk hat gesprochen - eine großartige Entscheidung. Ich wünsche Alex Salmond alles Gute und freue mich auf unsere nächste Golfpartie in Aberdeen“).

          Und genau darin liegt das Problem, dem die Freunde simpler Antworten im Laufe der Referendumskampagne ausgewichen sind. Tatsächlich wären die Schotten nicht freier oder gleicher, wenn sie beschlossen hätten, sich nicht von Westminster, sondern von Holyrood regieren zu lassen. Selbst wenn das Ja-Lager einen erdrutschartigen Sieg erzielt hätte, würden Schottlands subventionierte Felder und Moore weiterhin denselben zweihundert Familien gehören, dieselben Unternehmen und Großgrundbesitzer würden weiterhin unsere Energie-, Gesundheits- und Fiskalpolitik bestimmen, und dieselben Berufspolitiker würden uns weiterhin dieselben alten Märchen auftischen. Unsere Medien würden weiterhin einseitig und voreingenommen berichten, besonders in Umweltfragen.

          Das System ist korrupt

          Natürlich könnte man sagen, dass Schottland sich darin nicht von jedem anderen Land unterscheidet, das im Neoliberalismus versunken ist. Andererseits wurden in den letzten Monaten ungewöhnliche Hoffnungen geweckt, die mich zuweilen an Obamas ersten Wahlkampf erinnerten. Hätte Schottland mit Ja gestimmt, wäre es vermutlich der Illusion erlegen, dass wir durch die bloße „Unabhängigkeit“ bereits die ersehnten politischen Ziele erreicht haben, auch wenn das nicht von einer Partei oder einem Politiker verfügt werden kann. Jedenfalls nicht in dem gegenwärtigen politischen System.

          Nicht der Regierungssitz muss sich ändern, sondern die Art und Weise, wie Politik gemacht wird. Kurzum, Schottland braucht, was jedes Volk braucht: ein neues System, nicht eine heroische Illusion, die die hässliche Mechanik des „Business as usual“ theatralisch verdeckt.Auch wenn es merkwürdig klingt: Was mich an diesem Referendum am meisten erstaunt hat, war der Anblick intelligenter, wohlmeinender Leute, die ihre Ja-Stimme abgaben, als würde das etwas ändern.

          Weitere Themen

          Für eine Transformation mit Herz

          FAZ Plus Artikel: Klimawende : Für eine Transformation mit Herz

          Uns erwartet ein sozial-ökologischer Umbau der Gesellschaft. Doch das muss man den Bürgern, die zwar für Schritte gegen den Klimawandel, aber kaum für persönliche Einschnitte sind, auch sagen. Ein Gastbeitrag.

          Topmeldungen

          Braunkohlekraftwerk Jänschwalde hinter dem ehemaligen Braunkohletagebau Cottbus-Nord

          Details des Klimapakets : Wer hat’s erfunden?

          Kommenden Freitag soll das Klimapaket beschlossen werden. Um die entscheidenden Details wird bis zuletzt gerungen: Offen ist vor allem die Frage, wie viel die Tonne CO2 kosten soll.
          Der frühere türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu trat am Freitag mit fünf anderen Politikern aus der AKP aus.

          Austritte aus der AKP : Rebellion gegen Erdogan

          Einige prominente Politiker sind aus der türkischen Regierungspartei AKP ausgetreten, um ihre eigenen Bewegungen zu gründen. Für den türkischen Präsidenten Erdogan könnte es eng werden.
          Schild vor dem Trump Hotel in Washington, 21. Dezember 2016

          Klage von Hoteliers : Hat Donald Trump die Verfassung gebrochen?

          Trump schädige ihr Geschäft, indem er Diplomaten nötige, in seinen Hotels abzusteigen, monieren Gaststättenbetreiber. Damit haben sie vor einem New Yorker Gericht einen Etappensieg errungen. Nun könnte der Surpreme Court den Fall an sich ziehen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.