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Bundesvision Song Contest : Hier spielt die Musik

  • -Aktualisiert am

Glücklicher Sieger: Peter Fox Bild: dpa

Beim fünften „Bundesvision Song Contest“ auf Pro Sieben holt Hip-Hop-Star Peter Fox souverän den Sieg für Berlin - und Stefan Raab zeigt der öffentlich-rechtlichen Konkurrenz aufs Neue, wie ungezwungen und locker so ein Grand Prix im Kleinen sein kann.

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          Eigentlich ist es schon entschieden als Peter Fox auf die Bühne geht. Hinter ihm hat sich das Filmorchester Babelsberg aufgebaut, die Musiker in ihren Anzügen tragen - passend zum Titel des aktuellen Fox-Albums „Stadtaffe“ - allesamt Affenmasken, daneben wirbeln die Trommler, und als Fox dann seinen Berlin-Song „Schwarz zu blau“ los lässt, der den Übergang einer furchtbaren Hauptstadtnacht in einen langsam beginnenden Morgen beschreibt, tanzt die ganze Halle.

          Eine Stunde später steht Fox noch einmal da, hat gerade mit Rekordpunktzahl den fünften „Bundesvision Song Contest“ gewonnen, singt wieder - und die Bands, die vorher mit ihm um den Sieg gestritten haben, kommen auf die Bühne und machen einfach mit.

          Spaß irgendwie Wichtigste

          Dazwischen hat Stefan Raab ein bisschen Mühe, sich der Choreographie der Trommler anzupassen, aber er hat Spaß dabei, und das ist an diesem Abend in der Potsdamer Metropolis-Halle irgendwie das Wichtigste.

          Eine Hip-Hop-Nummer auf Platz eins, dicht gefolgt vom Elektro-Pop der sächsischen Band Polarkreis 18, auf dem dritten Platz drei Heavy-Metal-Rocker aus Nordrhein-Westfalen - wer bisher an der Vielfältigkeit der deutschen Musikszene gezweifelt hat, muss seine Vorurteile nach diesem Abend über den Haufen werfen.

          Raabs ehemalige Gegenveranstaltung zum Eurovision Song Contest, bei dem Künstler aus allen 16 Bundesländern gegeneinander antreten, hat es in diesem Jahr endgültig geschafft, so locker und so ungezwungen zu sein, wie es der große Grand Prix nur noch selten hinbekommt.

          NDR schaut in die Röhre

          Und vielleicht ist es ja kein Zufall, dass der NDR nur eine Woche später bei der Verleihung des Musikpreises „Echo“ erstmals den selbst ausgesuchten Titel für den Song Contest in Moskau präsentieren lässt - ein eher konventionell klingendes Swing-Pop-Stück, komponiert vom ehemaligen Chart-Produzenten Alex Christensen, dessen größter Hit in den 90er Jahren eine Techno-Version der Titelmusik aus „Das Boot“ war.

          Der Unterschied zwischen „Miss Kiss Kiss Bang“, das nun beim „echten“ Song Contest für Deutschland ins Rennen geschickt wird, und der lässigen Berlin-Hymne, mit der Hip-Hop-Star Peter Fox am Freitagabend bei Pro Sieben den Ton angab, könnte kaum größer sein.

          Wenn der NDR konsequent wäre, müsste er Raab künftig die Titelauswahl für den europäischen Song Contest überlassen.

          Mehr als Grönemeyer und Rammstein

          Dass es dazu nie kommen wird, soll den Zuschauern aber egal sein: Einmal im Jahr sorgt der „Bundesvision Song Contest“ dafür, dass junge Künstler einem großen Publikum zeigen können, dass deutsche Musik nicht bloß Grönemeyer und Rammstein ist - selbst wenn die Sieger wie in diesem Jahr quasi von vornherein feststehen.

          Auch Raabs Show hat natürlich ihre schwierigen Momente. Das Abstimmungs-Procedere, zu dem Pro Sieben in die einzelnen Bundesländer schaltet, ist ein Graus, weil sich dann plötzlich gruselige Radiomoderatoren einmischen, um die Punktevergabe zu verkünden. Inzwischen läuft das zwar ohne große Verzögerungen ab, und ohne die Unterstützung der regionalen Radiostationen wäre die Veranstaltung für Pro Sieben auch kaum zu bewältigen.

          Aber jedes Mal, wenn zu den inszenierten Partys in Clubs, traurige Funkhäuser oder in „einen Kinokomplex nahe Flensburg“ geschaltet wird, und überdrehte Morgenmoderatoren ihre Gags loswerden wollen, ist das eine Geduldsprüfung für die Zuschauer. Vor allem, weil die Punktevergabe sowieso zu den weniger spannenden Ritualen eines solchen Abends gehört, wenn sich die Wertungen der Länder kaum unterscheiden.

          Musik statt Selbstinszenierung

          In Potsdam stand Raab mit seiner Co-Moderatorin Johanna Klum auf der Bühne, konnte es kaum fassen, wer da in seine Show reinquatschte - und verkniff sich doch jede freche Bemerkung, weil es an diesem einen Abend eben nicht auf Selbstinszenierung ankam, sondern auf die Musik.

          Die kurzen Einspieler zur Vorstellung des jeweiligen Bundeslands, die vor den Auftritten der Bands zu sehen sind, haben immer noch den Charme einer abgefilmten Postkartenidylle und dienen eher zur Überbrückung der Umbauarbeiten auf der Bühne. Aber die Mühe, die sich Pro Sieben mit der Inszenierung seines Wettstreits gibt, ist unübersehbar.

          In Potsdam reichte eine schlichte Rundbühne, die mitten in den Zuschauerraum vor zwei riesige LED-Leinwände gesetzt wurde, um eine beeindruckende Kulisse zu schaffen. Der Hamburger Songwriter Olli Schulz ließ darauf zu seiner Quatschnummer „Mach den Bibo“ Fans tanzen, die sich beim ihm zuvor übers Internet beworben hatten. Die Metal-Combo Rage aus NRW bekam wummernde Verstärker auf die Bühne gestellt. Und bei Sven van Thom marschierte eine Reihe mobiler Bratwurstverkäuferinnen auf, um ihn wie bei einem vorgezogenen Rosenmontagsumzug für „Jaqueline (Ich hab Berlin gekauft)“ zu unterstützen.

          Platzeck redet weiter

          Dass der Ministerpräsident des Landes, in dem der „BSC“ ausgetragen wird, zu Beginn für eine Art Grußwort auf die Bühne kommt, ist zu einer lustigen Tradition geworden. In Potsdam begrüßte Matthias Platzeck den „lieben Stefan Raab“: „Herzlich Willkommen in der schönsten Stadt Deutschlands!“ Und wollte gar nicht mehr aufhören zu reden.

          Das war vielleicht ein bisschen viel Lokalpatriotismus - aber wann schafft es sonst schon mal ein Ministerpräsident, sich zur besten Sendezeit bei Pro Sieben zu Wort zu melden?

          So sehr Raab sich sonst selbst in den Mittelpunkt stellt - beim „Bundesvision Song Contest“ ist er bloß Conferencier und zeigt, dass er, wenn er sich selbst zurücknimmt, richtig liegt. Man kann ihm nur wünschen, dass Pro Sieben ihn das noch lange weitermachen lässt. Allein schon, um dem NDR zu zeigen, wie es sein könnte, wenn man sich dort trauen würde, für den „Eurovision Song Contest“ eine Show zu veranstalten, die auch nur annähernd so viel Lust und Leidenschaft ausstrahlt.

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