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Bundestagswahlkampf : Unser seltsamer Sommer

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Die politische Großwetterlage scheint in Deutschland derzeit schwieriger einzuschätzen als je zuvor Bild: dpa

In hundert Tagen wählen die Deutschen ein neues Parlament. Bislang ist davon nichts zu spüren. Aber das wird sich ändern, denn die Zeiten sind unruhig.

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          Am Sonntag wird der Kanzlerkandidat der SPD erstmals öffentlich mit seiner Ehefrau diskutieren. Beim Parteikonvent in Berlin werden sie auf der Bühne am praktischen Beispiel die Themen der Vereinbarkeit von Beruf und Familie erörtern. Die Öffentlichkeit wird dann Gertrud Steinbrück kennenlernen, eine promovierte Naturwissenschaftlerin aus der ehemaligen DDR mit einem trockenen Humor, die den Politik- und Medienbetrieb mit einer gehörigen Skepsis betrachtet.

          So, wie der Wahlkampf bislang läuft, steht zu erwarten, dass die Bundeskanzlerin hereinspaziert und vielleicht auf dem noch warmen Stuhl ihres Herausforderers Platz nimmt. Sie wird Frau Steinbrück so kraftvoll applaudieren, dass ihre Haare mitwippen, und sich bei den zu erwartenden kleinen Spitzen unter Eheleuten schieflachen. Dann wird sie bedauernd feststellen, dass man diese gewinnende und vernünftige Frau Steinbrück nicht wählen könne, weil die ja nicht kandidiere. Und nach einer Kunstpause wird sie anfügen: Aber wem diese Dame gefällt, dem gefällt womöglich auch eine andere promovierte Naturwissenschaftlerin aus der Ex-DDR, die, wenn gewünscht, auch ganz gut mit Peer Steinbrück kann und sehr wohl kandidiert.

          Wahrhaft siegt, wer nicht kämpft

          Solch ein Einsatz läge in der Logik des Sommers der Kanzlerin, die ja schon beim Festakt zum hundertfünfzigsten Geburtstag der SPD deutlich machte, dass die ewigen Kämpfe der Genossinnen und Genossen für Frauenemanzipation, Mitbestimmung und Freiheitsrechte ja exakt ihre Lebensthemen sind. Und die bei ihren vielen Hochwasserbesuchen demonstrierte, dass sie kein Krisengebiet scheut und stets zur Stelle ist, wenn Deutsche leiden. Warum also nicht auch am Wahlstand der Sozialdemokraten in der Fußgängerzone?

          Das ist der Sommer, der keiner ist, vor einem Wahlkampf, den keiner merkt, und einer Wahl, zu der niemand hin möchte. Was wiederum kein Wunder ist, denn ausgerechnet die Vorsitzende der größten Partei minimiert die Relevanz der Sache nach Kräften. Es erinnert an einen korsischen Wahlkampf, wie wir ihn in „Asterix auf Korsika“ kennengelernt haben: Man füllt die Urnen schon zeitig vor dem Wahltermin und wirft sie dann feierlich ins Meer. Danach wird einfach der Stärkste der Chef.

          Um die Stärkste zu bleiben, hat die Kanzlerin die asiatischen Strategieklassiker wie Sun Tsu studiert: Wahrhaft siegt, wer nicht kämpft. Und weil Kämpfe entstehen, wenn ein knappes Gut verteilt werden soll, lässt sie es gar nicht so weit kommen, sondern vervielfältigt und kopiert, bis jeder von allem hat: beispielsweise auch die CDU das passende Angebot für bedrängte Mieter, alleinerziehende Krankenschwestern und wachstumskritische Ökopaxe.

          Will der Wähler seine Ruhe?

          Das ist Politik nach dem Algorithmus einer Shoppingwebsite: Wer ein Messer-Set kauft, braucht auch Pflaster, und wir kennen deine Wünsche, bevor du sie formulierst. Diesem Modell liegt eine spieltheoretische Annahme zugrunde: Der Wähler will seine Ruhe und die Maximierung des eigenen Nutzens, zur Not auf Kosten der anderen. Wenn man ihm alles verspricht, was er sich wünscht, und lauter bunte Bilder von schönen Dingen zeigt, die ihm gefallen, dann bleibt er auch bei uns. In der Kunst funktioniert das freilich nicht: Ein Roman, den ein Autor mit lauter Elementen aus Bestsellern oder Klassikern komponieren würde, wäre scheußlich. Ob das in der Politik funktioniert, wissen wir in hundert Tagen. Die Umfragen sind einstweilen passend zum Wetter: untypisch.

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