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Bundestagswahlkampf : Unser seltsamer Sommer

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Um die Machtfrage zu entscheiden, braucht man keinen Kurs belegt zu haben, und man muss auch keinem Rechenschaft ablegen. Nicht einmal Karlsruhe kann diese Entscheidung widerrufen. Im Herzen unseres politischen Systems ist ein winziger, glorreicher Moment der Anarchie. Was kann aus dieser Sekunde, bevor der Stift auf den Wahlzettel trifft, nicht alles entstehen!

Das große Schaukeln aller Dinge

Eigentlich kein Wunder, dass so viele interessengeleitete Bescheidwisser den Eindruck erwecken möchten, es käme eigentlich gar nicht drauf an, der Wahlgang sei Folklore. Darum ist es auch so enttäuschend, wenn Menschen, die das von früheren Generationen so blutig erkämpfte Recht zur freien, allgemeinen und geheimen Wahl einfach verschmähen, auch noch stolz drauf sind. Es ist gerade in diesem Jahr ein hochwirksames Instrument, eine der größten Potenzen, die wir in unserer Gesellschaftsordnung kennen.

Wenn man sich die Deutschen heute anschaut und ihnen zuhört, dann trifft man eigentlich nicht auf angsterstarrte, reservierte Zeitgenossen, die bloß keinen Konflikt wollen, bloß keinen Wechsel an der Spitze. Es wird gerade wahnsinnig viel ausprobiert. Beruflich wie privat sind die Leute an Umstellungen gewöhnt, auch an Enttäuschungen. Sie testen viel, reisen, lesen, kommunizieren und recherchieren, es ist eine Lust am Aufbruch und am Neuen im Land, die eigentlich gar nicht zum Merkelschen Mantra der unaufgeregten Alternativlosigkeit passt.

Wenn man im Zug den Reisenden zuhört oder im Bekanntenkreis Gespräche führt, fällt sehr häufig der Satz „Ich könnte mir vorstellen, mal etwas ganz anderes zu machen“. Alle Berufe, alle Branchen wandeln sich in einer bis dato unbekannten Geschwindigkeit; das gilt nicht nur für Journalisten, sondern ebenso für Fahrradverkäufer und Zahnärzte, für Mittelständler und Einzelhändler. Und die großen, sogenannten objektiven Bedingungen sind auch danach: Konzerne wackeln, Banken straucheln, Staaten treten in neue Phasen ihrer Geschichte ein, ganze Kontinente erfasst der Schwindel des Aufstiegs, andere konstatieren deprimiert einen drohenden Abstieg. Es ist gerade, als hätte die Welt Montaigne entdeckt und feierte das von ihm beschriebene große Schaukeln aller Dinge.

In diesen Zeiten sind hundert Tage eine Ewigkeit, zumal, wenn es auf die letzten hundert Stimmen hundert Minuten vor Schluss der Wahllokale ankommt. Dann wird man vielleicht, müde wie nach einem intensiven, bizarren Traum in diesen kurzen Nächten, darüber nachdenken, was das nur für ein komischer Sommer war, der vor hundertundeiner Nacht begann.

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