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Bundestagswahlkampf : Unser seltsamer Sommer

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Zwar werden die Deutschen mehrmals in der Woche und von vielen Instituten gebeten, sich vorzustellen, dass am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre; aber sie möchten darauf keine rechte Antwort geben. Vielleicht mögen die Befragten das Spiel auch nicht, das ja ihr Leben in der Simulation um drei Monate, in denen vielleicht die großen Ferien liegen, verkürzt. Es fragt sich, außer Zwangspatienten, auch niemand, was er täte, wenn morgen nicht der 15. Juni, sondern bereits der 22. September wäre, was er dann kochen oder lesen möchte. Die Antworten sind jedenfalls so, irgendwie patzig: Es lässt sich nicht erkennen, wie die Deutschen regiert werden möchten.

Drin oder draußen?

Viel ist möglich, nichts passt zusammen. Das Bild entspricht so gar nicht dem, das die Berliner Profis nahezu täglich beschreiben: Sie berichten inzwischen mit der hämischen Vorfreude von Teenagern, die im Kino darauf warten, dass der arrogante Pistolero mit dem Zigarillo auf Bud Spencer trifft. Da steht also auf der einen Seite die mächtigste Frau der Welt, beliebteste Politikerin und meistgeschätzte Deutsche, in der anderen aber der Champion im Triathlon aus „Pleiten, Pech und Pannen“ - wenn er überhaupt den Ring findet und nicht über die eigenen Füße stolpert.

Doch in den Umfragen spiegelt sich solch eine Dominanz nicht wider. Da hat die Kanzlerin keine eigene Mehrheit. Sie hat Optionen, aber keinen Auftrag. Es geht, trotz all der Flops, die sich die Opposition geleistet hat, trotz ihrer mangelnden Einigkeit und trotz der sonst eine Regierung eher stützenden Dauerkrise bei jeder Umfrage um ganz niedrige Prozentwerte.

Liberale drin oder draußen? Werden die Anhänger der Union wirklich alle an die Urne gehen, um das in alle politischen Himmelsrichtungen ausstrahlende, zen-artige Programm ihrer untypischen Chefin abzusegnen? Werden die Grünen durch einen sommerlichen Störfall noch mal besonders bewegt? Lesen die Sozen in den Ferien noch mal Albert Camus’ „Mythos des Sisyphos“, genießen den Rausch der Verzweiflung und schaffen ein Fotofinish wie bei der Landtagswahl in Hannover oder der Oberbürgermeisterwahl in Wiesbaden? Und werden jene, die die Merkel dieses Sommers gern mögen, von der Leichtfertigkeit, mit der sie die Versprechen anderer Parteien übernimmt, womöglich in letzter Minute auf eine Leichtigkeit schließen, diese Versprechen nach der Wahl wieder zu vergessen?

Alles ist auf Jahre hinaus geplant

Die Ruhe dieses Sommers ist trügerisch. Eine spätsommerliche Laune, die Tagesform von nur wenigen tausend Bundesdeutschen wird die Geschicke der wichtigsten Macht in Europa bestimmen. Das ist das Geniale an der parlamentarischen Demokratie: Sie entzieht sich allen Plänen. In Deutschland ist alles auf Jahre hinaus geplant: die industrielle Produktion, die Lehrpläne, die Programme der Sender, die Laufzeit von Krediten, die Laufbahnen im öffentlichen Dienst - das wirkt souverän, entspricht einer gemütlichen Tradition und schützt vor Überraschungen. Nur das Verhalten des Einzelnen in der Wahlkabine lässt sich nicht planen. Damit ist die Machtfrage prinzipiell offen. Man weiß einfach nicht, wer im Herbst dieses Land regiert, das haben Männer und Frauen in der Hand, die nicht, wie Angela Merkel, „Tag und Nacht Politik machen“.

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